„Säv, säv, susa“: Gedichtverfilmung auf Rügen

„Säv, säv, susa“: Gedichtverfilmung auf Rügen

„Schilf, Schilf, rausche“, diese drei Worte gingen mir nicht aus dem Kopf, seit ich im Jahr 2014 das gleichnamige Bändchen mit Gedichten des schwedischen Dichters Gustaf Fröding (1860–1911) in den Händen hielt. Klaus-Rüdiger Utschick hatte sie in jahrezehntelanger Arbeit akribisch ins Deutsche übersetzt. Damals besuchte ich ihn in seiner Münchner Wohnung, um über eine geplante Verfilmung eines anderen Fröding-Gedichtes zu sprechen.

Doch Utschick schwärmte immer wieder von SCHILF, SCHILF RAUSCHE, spielte es mir auf dem Klavier vor und sang dazu. Irgendwann, so sagte ich mir, werde ich es verfilmen, wusste damals aber noch nicht, wie ich mich dem düsteren Gedicht nähern sollte. Also realisierte ich zunächst einmal mit der Krasnogorsk 3 und Fuji Eterna in Schweden das nostalgische I UNGDOMEN (IN DER JUGEND).

Vier Jahre später, im bitterlich kalten Januar 2018, buchte meine Freundin ein Ferienhaus auf Rügen. Als ich auf Fotos das verschneite Schilf sah, wusste ich, dass jetzt die Zeit für SCHILF, SCHILF, RAUSCHE

(Originaltitel: SÄV, SÄV, SUSA) gekommen war. Schnell habe ich direkt bei Foma vier Rollen Fomapan R100 in 16mm bestellt (eine Packung Fotopapier gab es kostenlos dazu) und die bewährte Krasnogorsk 3 eingepackt. Die klobige Russin mit Baujahr 1992 hatte mich bislang noch nie enttäuscht und begeistert mich sei eh und je mit ihrer Unkompliziertheit. In Sekundenschnelle kann man mittels lichtstarkem Meteor-Zoom-Objektiv im großen und hellen Sucher das Motiv fokussieren, und die eingebaute Lichtwaage macht einen externen Belichtungsmesser überflüssig. Das hilft enorm, wenn plötzlich ein Schwarm Wildgänse am Himmel auftaucht, den man mit der Kamera einfangen will.

Das tragische Gedicht, fast balladenhaft in archaischem Ton geschrieben, handelt von einer jungen, schönen Frau namens Ingalill, die „in den See ging“. Vermutlich war sie ein einfaches Mädchen, das sich in einen adeligen Herrn verliebte und dessen sozialer Aufstieg und Glück der Liebe von der Dorfbevölkerung mit Neid und Missgunst verachtet wurde. Fröding versteht es meisterlich, mit vielen Andeutungen über den Grund des Selbstmords aufzuwarten („Sie waren ihr Gram in Östanålid und Ingalill zu Tode litt“) und gerade durch seine Zurückhaltung und sein Vertrauen auf die Kraft der Poesie macht es einen sehr bewegenden Eindruck.

In der Schlossruine Pansevitz fand ich einen guten Ort, um mich in das Östanålid des Gedichts hineinzuträumen. Dunkle Fenster, verfallene Treppen, ein kerkerartiger Keller, Gitter und dornige Hagebutten bilden einen verwunschenen Ort, passend, um hier das melodramatische Geschehen zu visualisieren. Neugierig blickende Schafe im Zwielicht erinnern an die neidische Bevölkerung, während weiße Schwäne und Lichtspiegelungen an die Unschuld und Schönheit Ingalills erinnern. Ein vergessenes und mittlerweile schlammiges Tuch im sumpfigen Seeufer könnte ihr Gewand gewesen sein. Wer weiß? Ich jedenfalls war glücklich über diesen Fund, und habe ihn bereitwillig auf Film gebannt. Bei der Verfilmung eines Gedichtes mit Schilf im Titel kommt man nicht umhin, es auch irgendwie zu zeigen. Da man sich dadurch auch der Gefahr einer Illustrierung aussetzt, habe ich es gewissermaßen als Klammer an den Anfang und das Ende des Films gepackt. Während das Schilf am Anfang noch freundlich daherkommt, ist es am Ende ganz in Gegenlicht zur schwarzen, tieftraurigen Silhouette geworden, die den „Grabgesang“ beschließt.

D.W Griffith sagte 1944 in seinem letzten Interview: „What the modern movie lacks is beauty – the beauty of the moving wind in the trees.“ Glücklicherweise spielten bei den Dreharbeiten die Jahreszeiten mit: ohne ständigen Wind, der die Natur in mahnende, fast schon hörbar musikalische Bewegung versetzte, wäre das Projekt nicht umsetzbar gewesen. Begann die Drehwoche noch mit funkelndem Sonnenlicht, stürmte es alsbald, wurde eiskalt und endete mit dichtem Schnee, der sich an die Zweige haftete. Die Natur spielt mit und zog alle Register des Overactings, was aber auch einige Schwierigkeiten mit sich brachte.

Wegen der Eiseskälte bei –10°C waren wir mit Handschuhen unterwegs. Obwohl sie nur beim Drehen ausgezogen wurden, waren die Hände trotzdem am Tagesende tiefrot gefärbt. Einmal hatte sich die Gegenlichtblende der Krasnogorsk verhakt, wodurch sich das Zoomobjektiv aufschraubte. Es dauerte eine Viertelstunde, bis ich es wieder korrekt zusammengesetzt hatte. Die längste Viertelstunde meines Lebens! Aber noch mehr Missgeschicke ereilten mich während des Drehs. Das schwere Giotto-Stativ, was ich in den Urlaub mitgenommen glaubte, vergaß ich zu Hause. Also fuhr ich nach Stralsund, um dort zumindest ein einfaches, kleines Rollei-Stativ zu erstehen, was erstaunlich gute Dienste verrichtete. Als ich daran gehen wollte, den Ton mit dem Tascam-Fieldrecorder aufzunehmen, musste ich jedoch mitten im Wald umringt vom Klopfen eines Spechtes feststellen, dass ich auch die SD-Karte daheim vergessen hatte! Also fuhr ich abermals nach Stralsund. Danach verlief aber alles glücklich, bis der Film, bedingt durch die große Kälte auf den letzten Metern der letzten Rolle unerwartet riss. Da ich immer einen Wechselsack mitnehme, konnte ich das Problem in der künstlichen Dunkelheit im Handumdrehen beheben.

Beim Drehen bemerkte ich, wie unterschiedlich sich Vögel vor der Kamera verhalten. Während Kormorane und Stockenten panisch flüchten, sobald man sich mit der Kamera nähert, können es Schwäne offenbar nicht erwarten, endlich ihren großen Auftritt zu haben. Wie Gloria Swanson in Billy Wilders SUNSET BOULEVARD, wo die Film-Diva ein letztes Mal vor der Kamera die Treppe herabschwebt.

So schnell sie begann, so schnell war die kurze Auszeit auf Rügen auch wieder vorüber. Für die Entwicklung des Materials hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, einmal direkt zu Andec Filmtechnik zu fahren und das Material persönlich abzugeben, da wir Berlin ohnehin auf dem Heimweg tangierten. Das Unterfangen stellte sich als schwieriger dar, als gedacht. Allein der Weg durch Berlin bescherte uns 1,5 zusätzliche Stunden Autofahrt. Seitdem lobpreise ich die Paketzusteller, die uns Menschen derartiges Mühsal abnehmen. Doch endlich angekommen, wurde ich bei Andec freundlich empfangen, habe meine Filmrollen abgegeben und innerhalb einer Woche wurden sie mir perfekt entwickelt nach Hause geliefert.

Ich projizierte sie gleich an die Wand und war begeistert ob des schön kontrastierten Schwarzweiß, das an einen Bergman-Film erinnert. Genauso geheimnisvoll, wie ich es mir erhofft hatte. Dann schickte ich das Material wie üblich zu Ocho y Pico

in Madrid, wo José Luis Sanz auf seinem neuen 4K-Scanner einen atemberaubenden Transfer kreierte. Beim Filmschnitt experimentierte ich mehr als sonst, schnitt z.B. in die Zoomfahrten der gerupften Ente Wasser in Nahaufnahme hinein, kombiniert mit einer kleinen Sequenz an rotem Abspannfilm, der in dem Schwarzweißfilm bewusst aufschrecken lässt. In München sprach Klaus-Rüdiger Utschick wiederum den Text ein und setzte mit seiner schönen Stimme das i-Tüpfelchen auf mein kleines Filmprojekt.


SÄV, SÄV, SUSA feiert seine Deutschlandpremiere am Freitag, den 16.11.2018 im Wettbewerb auf den 18. Flensburger Kurzfilmtagen. Zuvor war er u.a. auf dem Kerry Film Festival in Killarney, Irland, zu sehen.


Literaturhinweis:

Gustaf Fröding: „Schilf, Schilf, rausche“, Ausgewählte Gedichte, Anacreon-Verlag, 1999. Aus dem Schwedischen von Klaus-Rüdiger Utschick. 185 Seiten. Format A5. Gebunden. ISBN 978-3-932759-10-9

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Cine 8–16, Nr. 47, September 2018.


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