Neue Webseite der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg

Neue Webseite der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg

filmstreifen_3_onlinearchiv

Die Landesfilmsammlung Baden-Württemberg hat eine neue, sehenswerte Webseite.

Im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg und finanziert über Mittel der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg werden alle Facetten des menschlichen Zusammenlebens in Form von Filmdokumenten vergangener Jahrzehnte in der Landesfilmsammlung BW für die Zukunft archiviert. Die historischen Filmdokumente kommen aus allen Teilen Baden-Württembergs und liegen z.B. auch in Form von kulturhistorisch interessanten Reisedokumentationen von Bürgern des Landes aus allen Ecken der Erde vor. Es handelt sich dabei um Filmdokumente aus allen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

pic06493

Werbung für Salamander Schuhe, 1950er Jahre

Werbung für Salamander
Schuhe, 1950er Jahre

Die Landesfilmsammlung BW ist ein Archiv mit inzwischen über 7500 historischen Filmdokumenten. Die ältesten reichen bis ins Jahr 1904 zurück. Schwerpunkte der Sammlung sind Filme aus dem Familienalltag, von Urlaubsreisen, Städteporträts sowie Image- und Werbefilme. Besonders außergewöhnlich ist der große Bestand an Filmtagebüchern deutscher Soldaten: In der Landesfilmsammlung BW sind zwischenzeitlich auch knapp 200 Filmtagebücher von Angehörigen der Deutschen Wehrmacht oder auch zahlreiche Dokumente aus der Zeit des Ersten Weltkriegs archiviert.

Schulkinder am Ulmer Bahnhof 1918

Schulkinder am Ulmer Bahnhof 1918

Historisches Material wird gern für aktuelle Produktionen zur Verfügung gestellt, ist allerdings nicht gerade ausgesprochen günstig. Nutzer haben die Möglichkeit, online in der Datenbanken zu recherchieren, wobei die Beschreibungen auch in englischer Sprache hinterlegt sind.

Bei Fragen zum Archiv oder speziellen Recherchen wende man sich an

Dr. Reiner Ziegler
Landesfilmsammlung Baden-Württemberg
HAUS DES DOKUMENTARFILMS
Europäisches Medienforum Stuttgart
Mörikestraße 19
D-70178 Stuttgart
Telefon +49711 997808-0
Telefax +49711 99780820
reiner.ziegler [AT] swr.de

Kodak 1958: Wie Film gemacht wird

Kodak 1958: Wie Film gemacht wird

Ein ursprünglich von Frank Bruinsma digitalisierter Klassiker, den bestimmt schon viele Leser gesehen haben – aber vielleicht ja nicht alle bzw. schon lange nicht mehr?
In jedem Fall auch wiederholt sehenswert ist diese holländische 18-Minuten-Doku, die den Entstehungsprozess der chemischen Filmmaterialien wunderbar detailliert und schematisch erklärt und zeigt, dank englischer Untertitel auch recht gut verständlich.

Beim Betrachten der fünf Stockwerke hohen, 22m tiefen Maschine wird einem auch klar, warum Skalenökonomie bei der Filmherstellung so wichtig ist und zunehmend nicht mehr stattfinden kann…

Eine Polavision-Kassette lässt die Hüllen fallen

Eine Polavision-Kassette lässt die Hüllen fallen

Viele haben sich schon gefragt, wie die Polavision-Kassetten genau funktionieren. Vor gut fünf Jahren schreib mir Leser Thomas Degenfelder dazu bereits eine genauere Erklärung per Email, die ich hier nun mit minimaler Verzögerung mit der Allgemeinheit teile. 🙂

Es hat mich so gewurmt, daß mein neuerlicher Versuch einer erfolgreichen Polavision-Belichtung wieder nicht geklappt hat, daß ich an einer unbelichteten Kassette den kompletten Aufnahme- und Entwicklungsvorgang noch einmal vollständig simuliert habe.

Ich weiß jetzt, warum das Entwickeln nicht mehr funktioniert (Entwicklerflüssigkeit sehr stark eingedickt und auch im erwärmten Zustand kaum mehr fließfähig).

Ich weiß jetzt aber auch, wie der gesamte Vorgang im Detail funktioniert. Das Zusammenspiel von Laschen und Röllchen, von Schieberchen und Kontakten, von Kunststoffbändern und Widerhaken ist das abenteuerlichste, was ich in meinen 47 Jahren Tüftelei je gesehen habe.

Die Belichtung in der Kamera ist nichts Besonderes – spektakulär ist, was beim Rückspulen im Player passiert:

[list type=“arrow“]
[li]Der Film hat sich beim Belichten in der Kamera auf die linke Spule aufgewickelt[/li]
[li]Beim Zurückspulen im Player verfängt sich eine rote Kunststofflasche in einer Aussparung des Films, wird mit aufgewickelt und reißt – mehrfach durch kleine Röllchen umgelenkt – den Entwicklertank auf. Ist der Tank aufgerissen, reißt das Kunststoffband an einer Sollbruchstelle ab und bleibt in der Kassette liegen[/li]
[li]Im besten Fall läuft nun die Entwicklerflüssigkeit durch das kleine Fenster auf den zurücklaufenden Film und entwickelt diesen[/li]
[li]Am Ende des Rückspulvorgangs verfängt sich eine Blechlasche, die bislang einen elektrischen Kontakt geschlossen hielt, an zwei Einkerbungen im Film, wird mitgerissen und öffnet den Kontakt. Dieser Kontakt steuert offensichtlich den Player[/li]
[li]Diese Blechlasche reißt eine andere Blechlasche mit, welche das Entwicklerfenster verschließt. Diese Blechlasche hat Widerhaken, so daß das Entwicklerfenster für immer verschlossen bleibt[/li]
[li]Die Blechlaschen werden beim Zurückziehen gleichzeitig aus der Filmbahn gezogen, so daß sie sich im Film kein zweites Mal verfangen können.[/li]
[/list]

Von so Kleinigkeiten wie Spulenarretierungen usw. rede ich gar nicht. Alles in allem ein irrsinniger Aufwand, das konnte nur schiefgehen…

Günter Stark und sein selbstgebauter 35mm Projektor

Günter Stark und sein selbstgebauter 35mm Projektor

In diesem wunderbaren Kurzfilm, den Olaf Carls auf seiner inhaltlich einzigartig lesenswerten Webseite geht es um Günter Stark, der – neben vielen anderen unglaublichen Selbstbauprojekten – auch seinen eigenen, tragbaren 35mm Filmprojektor entworfen und gebaut hat. Das schönste daran: Die Dokumentation wurde 1990 vom Erfinder selbst gedreht. Welch wunderbare Rekursion!

Weiterlesen

Maya Deren: Filmer, Eure wichtigste Ausrüstung seid Ihr selbst!

Maya Deren: Filmer, Eure wichtigste Ausrüstung seid Ihr selbst!

Maya Deren mit ihrer Bolex H16, um 1943

Maya Deren mit ihrer Bolex H16, um 1943

„Kameras machen keine Filme; Filmemacher machen Filme. Verbessert Eure Filme nicht durch mehr Ausrüstung“. Dies schrieb die Avantgardefilm-Pionierin Maya Deren allen Amateurfilmern ins Stammbuch, und zwar schon einem halben Jahrhundert.

Maya Deren (1917-1961) war Mitbegründerin des amerikanischen Avantgarde- und Undergroundfilms. 1917 in Kiew als Eleanora Derenkowskaia geboren, wuchs sie ab 1922 in den USA auf. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und Arbeit als Choreographin und Tänzerin fiel ihr 1943 eine Bolex 16mm-Kamera aus elterlichem Erbe in die Hände. Zwischen 1943 und 1948 drehte sie ihre tänzerisch-filmisch choreografierten Experimentalklassiker Meshes of the Afternoon, At Land, A Study in Choreography for the Camera, Ritual in Transfigured Time und Meditation on Violence. An den ersten beiden Filmen wirkte ihr Ehemann Alexander Hammid mit, geboren als Alexander Hackenschmied in Österreich und vor seiner Emigration Berufsfotograf und -kameramann in der Tschechoslowakei. Gemeinsam drehten Deren und Hammid auch einen Privatfilm über ihre Hauskatze, The Private Life of a Cat. Später wandte sich Deren dem Dokumentarfilm zu. Von 1947 bis 1954 drehte sie auf Haiti Divine Horsemen, einen 53minütigen Dokumentarfilm über Voodoo, der erst posthum uraufgeführt wurde.

Deren verstand sich zeitlebens als Amateurfilmerin, die ihre Filme – wie sie es ausdrückte – „mit Budgets macht, die in Hollywood gerade mal für die Lippenstifte reichen“. Sie engagierte sich auch in Amateurfilmvereinigungen. 1959 rief sie im Movie Makers Annual der amerikanischen Amateur Cinema League Filmer dazu auf, sich alle Besessenheit mit Profistandards und Filmausrüstung aus dem Kopf zu schlagen und besseren Gebrauch von ihrer filmerischen Freiheit zu machen.

Ein halbes Jahrhundert später hat Maya Derens Mahnruf nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil, angesichts endloser Technikdebatten und Dauerlamentiererei unter (analogen wie digitalen) Amateurfilmern war er vielleicht noch nie so zeitgemäß wie heute.

Amateur versus Profi

Die größte Hürde, vor der Amateurfilmer stehen, ist ihr Minderwertigkeitsgefühl gegenüber professionellen Filmproduktionen. Schon das Etikett „Amateur“ klingt wie eine Entschuldigung. Doch bezeichnet dieses Wort – abgeleitet vom lateinischen amator, Liebhaber – jemanden, der etwas aus Liebe zur Sache tut anstatt aus wirtschaftlichen Gründen oder Zwängen. Und genau bei dieser Wortbedeutung sollte auch jeder Amateurfilmer beginnen. Statt neidisch auf die Drehbuch- und Dialogschreiber zu schielen, auf die gelernten Schauspieler, die aufwändigen Teams und Sets und auf die enormen Budgets des professionellen Films, sollte der Amateur den großen Vorteil nutzen, um den ihn alle Profis beneiden: Freiheit, sowohl künstlerisch, als auch physisch.

Maya Deren beim 16mm-Filmschnitt

Maya Deren beim 16mm-Filmschnitt

Künstlerische Freiheit bedeutet, dass der Amateurfilmer unter keinem Zwang steht, Drama und Schönheit seiner Bilder einem Schwall von Wörtern, Wörtern und noch mehr Wörtern opfern zu müssen. Keine Erzählhandlung muss erbarmungslos vorangetrieben und dem Zuschauer verständlich gemacht, kein Star oder Sponsorenprodukt ins gute Licht gerückt werden. Auch erwartet niemand von einer Amateurproduktion, dass sie ein gemischtes Massenpublikum neunzig Minuten lang fesselt, damit sich eine enorme Geldinvestition wieder auszahlt. So wie der Amateurfotograf kann sich der Amateurfilmer ganz der Poesie und Schönheit von Orten und Ereignissen widmen, sie festhalten und, da er eine Bewegtbild-Kamera nutzt, die weite Welt der Schönheit von Bewegungen erkunden. (Einer der Filme, die 1958 bei den Creative Film Awards ehrenwert erwähnt wurden, war Round And Square, eine poetische, rhythmische Bearbeitung der tanzenden Lichter von Autos, die eine Autobahn hinunterströmten, unter Brücken hindurch, usw.) Nutzt, statt Euch an einer mitreißenden Erzählhandlung zu versuchen, die Bewegung von Wind oder von Wasser, Kindern, Leuten, Aufzügen, Bällen usw. wie in einem Gedicht. Und nutzt die Freiheit, mit Bildideen zu experimentieren. Niemand kann Euch für Eure Fehler feuern.

Zur physischen Freiheit gehört die Freiheit der Zeit – und von budgetbedingten Abgabeterminen. Vor allem aber besitzt der Amateurfilmer mit seiner kleinen und leichten Ausrüstung eine Unauffälligkeit (für heimliches Drehen) und physische Beweglichkeit, um die ihn die mit ihren tonnenschweren Monsterapparaten, Kabeln und Kameracrews geschlagenen Profis durchaus beneiden. Vergesst nicht, dass noch kein Stativ gebaut wurde, das so wunderbar beweglich ist wie das komplexe System von Sehnen, Gelenken, Muskeln und Nerven namens menschlicher Körper – der, mit etwas Übung, eine enorme Vielfalt von Kameraeinstellungen und visuellen Aktionen ermöglicht. All das besitzt Ihr, und ein Gehirn obendrauf, in einem hübschen, kompakten, mobilen Gesamtpaket.

Kameras machen keine Filme; Filmemacher machen Filme. Verbessert Eure Filme nicht durch mehr Ausrüstung und mehr Mitarbeiter, sondern indem Ihr das, was Ihr schon habt, ausreizt. Die wichtigste Ausrüstung seid Ihr selbst: Eure beweglichen Körper, Euer Einfallsreichtum und Eure Freiheit, beide zu gebrauchen. Bitte gebraucht sie auch.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen von Florian Cramer)

Single-8: Flashing Down Mount Fuji

Single-8: Flashing Down Mount Fuji

Dieser schöne Werbefilm von „FUJIFILM Foto Film“ diente Ende der 60er Jahre dazu, das Single-8 System zu bewerben. Zu sehen ist Skifahrerlegende Yūichirō Miura, wie er im Jahre 1966 seine waghalsige Fuji-Abfahrt mit Bremsfallschirm wagt.
Die vorliegende Kopie wurde in Fujis Technikabteilung wohl eifrig zum Testen verschiedenster Projektoren genutzt, was den lädierten Zustand von Bild und Ton erklärt. Trotzdem: Sehenswert!

King Creole – Mein Leben ist der Rhythmus (1958)

King Creole – Mein Leben ist der Rhythmus (1958)

King Creole - Mein Leben ist der Rhythmus

In seinem vierten Kino-Film spielt Elvis den jungen Danny Fisher. Da sein Vater keine Arbeit findet, muss er für die Familie die Brötchen verdienen. Nachdem er seinen Job in der Kneipe des Gangsters Maxie geschmissen hat, bekommt er vom Besitzer des Clubs „King Creole“ eine Chance als Sänger. Aufgrund seines großen Erfolges will Maxie, dass Danny wieder für ihn arbeitet. Von nun an überschlagen sich die Ereignisse…

Elvis singt in diesem Feature rund 12 Songs (u.a. King Creole, Trouble, Hard Headed Woman, Lover Doll). King Creole gilt unter vielen Elvis-Fans als sein bester Film.

Bild:

Inter-Pathé hat diesen Schwarzweiß-Klassiker auf Azetatmaterial veröffentlicht. Eigentlich müsste jeder Akt einzeln rezensiert werden, da bei der mir vorliegenden Kopie jeder seine eigenen Stärken und Schwächen hat. Bis auf den 3. Akt sind bei den restlichen der insgesamt 6 Akte á 120 Meter sowohl der Kontrast, als auch die Graustufen wirklich sehr gut angelegt. Im angesprochenen Akt 3 ist die Helligkeit etwas zu hoch gewählt. Die Schärfe wiederum ist nur in den Akten 2, 3 und 6 als gut bis befriedigend zu bezeichnen, zeigt aber gerade in Totalen ziemliche Schwächen. Die Akte 1, 4 und 5 sind schärfetechnisch eher mangelhaft bis ausreichend. Hinzu kommt, dass sich der Film bis auf die Akte 4 und 5 als Balkenbild präsentiert. Gerade bei den Aktwechseln ist es jedoch immer nötig, Korrekturen vorzunehmen. Die verwendete Vorlage von Viacom aus den USA war allerdings in einem guten Zustand. Größere einkopierte Störungen oder Laufstreifen sind mir nicht negativ aufgefallen.
Hier muss ich dazu sagen, dass ich allerdings auch nicht danach suche, sondern nur dann darauf eingehe, wenn die Laufstreifen o.ä. störend wirken. Es wurde recht grobes Filmmaterial verwendet, da durchweg ein leichtes Krisseln sichtbar ist. Bei kleineren Projektionen dürfte dies aber nur bedingt sichtbar sein. Auch könnten da die Schärfeschwächen nicht so stark auffallen.

Ton:

Die deutsche Mono-Tonspur ist bis auf ganz wenige Ausnahmen lippensynchron aufgespielt. In Akt 5 wiederum liegt er aber um rund eine halbe Sekunde vor dem Bild. Dies wirkt teilweise etwas störend, gerade in der Schlägereiszene. Der Pegel ist sehr gut und der Sound für einen Film aus den 50er-Jahren ebenfalls in Ordnung. Richtig gut wird der Ton dann, wenn man einen Verstärker mit Equalizer anschließt und Bässe reindreht. Dann jagt einem z.B. „Trouble“ einen Schauer nach dem anderen über den Rücken und es fällt einem schwer, die Füsse still zu halten.

Fazit:

Ob einen diese Schärfe-Schwächen stören oder nicht ist natürlich sehr subjektiv. Für mich hat dieser Film sowieso ideellen Wert: es war meine allererste Komplettfassung! Wenn man vorher weiß, was auf einen zukommt, dann kann man diese Komplettfassung grundsätzlich empfehlen.

[alert type=“info“]Lauflänge: ca. 108 min., Darsteller: Elvis Presley, Walter Matthau, Carolyn Jones u.a.
Projektor: Revue Lux Sound 80 Stereo, Objektiv: Revuenon Zoom Lens 1:1,3/15-30mm
Projektionsgröße: 1,87 m x 1,40 m[/alert]

Szenenbilder

George Kuchars 8mm-Manifest

George Kuchars 8mm-Manifest

George Kuchar in seinem Film "Hold Me While I'm Naked", 1966

George Kuchar in seinem Film „Hold Me While I’m Naked“, 1966

Im September 2012 starb der amerikanische Underground-Filmer George Kuchar, ein Pionier der Camp-Kultur. Seine Travestien alter Hollywood-Melodramen drehte er auf Normal-8, später auf Video. Filmregisseure wie John Waters waren maßgeblich von ihm beeinflusst.

1964 saß Kuchar auf dem Podium einer New Yorker Experimentalfilmer-Diskussion zum Thema „8mm.: Avant-Garde of the Future?“. Neben ihm saß Lenny Lipton, der kurz darauf Schmalfilm-Fachautor wurde und das Standardwerk The Super 8 Book schrieb. Vor ’64 hatten amerikanische Experimental- und Untergrundfilmer nur auf 16mm gedreht. Kuchar, der nicht aus der Künstlerszene kam, sondern als Jugendlicher in der Bronx zu filmen begann, hatte als Außenseiter das Wort. Sein Plädoyer fürs 8mm-Filmen hätte niemand anders so formulieren können. Wir veröffentlichen es hier zum ersten Mal auf Deutsch.

8mm-Manifest

Ja, 8mm ist eine Verteidigungswaffe in dieser Gesellschaft automatisierter Korruption, weil wir uns mit 8mm und seinen mickrigen Abmessungen den Dimensionen des Atoms annähern.

Wir, in dieser modernen Welt geologischer Inaktivität, erleben jetzt eine Evolution, die um Ministrösitäten evolviert. Wir denken nicht mehr in großen Dimensionen außer bei Atombombardements, und deshalb kommt man jetzt öfters Menschen mit kleinen Dingern entgegen. Acht mm ist eines dieser kleinen Dinger, doch 8mm wird riesig, wenn der Kegel einer Projektorlampe psychotische Abnormalitäten groß zum Erleuchten bringt.

In den Händen jedes potentiellen Perverslings wird dieses Medium zur Tonskulptur mit Hefesockel. Besprengt man sie mit ein paar Spritzern Flüssigkeit, bläht sie sich zu sagenhaften Ausmaßen auf. Doch dabei sieht man, wie die Tonhülle, die das ganze ummantelt, auseinanderbricht und alles dreckig macht.

Es zeigt sich die innere Schönheit des Werks, während der Filmemacher durchknallt und sich am Ende umbringt. Wenn Du Deinem eigenen Bösen ins Auge schaust, gibt das Deinen Innereien, die bislang nur Buttermilch gewöhnt waren, Acid-Saures.

Dass 8mm die neue Avantgarde wird, ist ansteckend wie ein Krankheitsherd, weil wir alle Avantgarde bis zur Vernichtung sind. Und nur wenn wir uns mit den Folgen totaler Verunstaltung konfrontieren, können wir klarer denken und weinen, weil wir uns nicht mehr moralisch abkapseln können.

Was erlaubt uns denn überhaupt zu fragen, ob 8mm die künftige Avantgarde ist, wenn nur Gott und der Vatikan die sichere Antwort wissen? Moralische Fragen dieser Art sollte man niemals den Schmutzfingern von Beatniks überlassen, die daraus Brezeln der Verderbtheit flechten. Sollen doch Beatniks und frustrierte leitende Angestellte 8mm-Film zu ihren Ebenbildern verdrehen und damit andere Leute in die Welt der Betäubungsmittel und des geistigen Totalzusammenbruchs hineinriechen lassen.

Seit zwölf Jahren habe ich auf 8mm gedreht und gesehen, was es einem Menschen antut. Der schöpferische Intellekt durchläuft eine Großrevolte, die Fenstergitter des guten Benehmens springen aus den Flügelrahmen geistiger Gesundheit, bis alles ein Wirbelstrom lampenglimmenden Breis wird. Acht mm hat mich gelehrt, klarer zu denken und mich direkter auszudrücken. Ich wurde in diese 8mm hineingeboren wie in meine Kirchenzugehörigkeit, weil mir meine Tante ihre Filmkamera lieh und mir meine Mutter später eine zu Weihnachten schenkte. Jetzt werde ich einen 16mm-Spielfilm namens Corruption of the Damned drehen, und ich drehe ihn auf 16mm, weil ich ihn nicht auf 7mm drehen kann. Statt runter – bislang der übliche Gang der Dinge in meinem Leben lasterhafter Sinnesfreuden – gehe ich diesmal rauf. Ich habe gerne auf 8mm gedreht, und jetzt gerne auf 16mm, und würde man mir beide weggenehmen, würde ich gerne dahinvegetieren, weil ein Leben der Stagnation ein Leben der Krankheit ist, und nur durch Krankheit begreifen wir, was Kaputtheit ist.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen: Florian Cramer)


1 2 3