Bonjour Rochester: Citroen XM gegen Ford Fiesta

Bonjour Rochester: Citroen XM gegen Ford Fiesta

Inspiriert von einem Bericht des Schmalfilm-Autors Hans-L. Wißkirchen im gleichnamigen Magazin krempelte Stefan vom Stein selbst die Arme hoch und wagte den verbotensten Vergleichstest aller Zeiten: Er lud je eine Kassette Velvia 50 Material in seine Kodak M4, eine simple Klotzkamera aus der Super 8 Anfangszeit, bzw. seine Beaulieu 6008 – das wohl teuerste, was als Super 8 Kamra je zu haben war – und machte sich bei schönem Wetter auf den Weg in den botanischen Garten in Wuppertal, um zeitgleich zwei nahezu identische Filme zu drehen.

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Sensational: a new Super 8 camera from Denmark

Sensational: a new Super 8 camera from Denmark

A one-of-a-kind machine: the Logmar camera with matte box and external TFT viewfinder. You can still spot the 3D-printed parts.

Translation: Florian Cramer (Originalartikel hier.)

Tommy and Lasse are 63 and 30 years old. They are father and son, and they’ve always bonded over ambitious tech projects. Tommy is an expert mechanic, a crack on the lathe who knows everything about any kind of material. He can manufacture parts that he has in mind just so. Lasse’s expertise is even more microscopic than precision mechanics: He’s an engineer of bits and bytes. As a researcher and consultant, he develops complex micro controller applications, from chip design to full-fledged systems. Fifty years ago, Tommy became an amateur filmmaker, back then on Double 8mm with an Olympus Pen camera. Even today, long after the Olympus had been superseded by a Chinon Super 8 camera, he always keeps a fresh film cartridge in his refrigerator. Lasse has designed the hard- and software of highly complex micro controller systems for more than a decade. Motor control is his particular area of interest.

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Sensation: Neue Super 8 Kamera aus Dänemark

Sensation: Neue Super 8 Kamera aus Dänemark

Macht was her: Die Logmar-Kamera mit Kompendium und aufgesetztem Suchermonitor. Hier sind in grau noch deutlich die Teile aus dem 3D-Drucker zu erkennen

(English version here.)

Tommy und Lasse sind Vater und Sohn, 63 und 30 Jahre alt. Schon immer waren sie durch ambitionierte, technische Projekte besonders verbunden. Tommy ist Mechanikermeister mit großer Erfahrung, spielt virtuos die Drehbank, kennt jedes Material und dessen Eigenheiten, verteilt Kräfte und fertigt die Einzelteile die ihm in den Sinn kommen einfach mal eben aus dem Vollen. Lasses Domäne ist noch feiner als die Feinmechanik: Er ist ein Bit-Dompteur, entwickelt komplexe Mikrocontrolleranwendungen – vom Chipdesign bis zur kompletten Lösung; forschend und beratend. Tommy begann schon vor 50 Jahren zu filmen, seinerzeit mit einer Olympus Pen auf Doppel-8, auch heute hat er noch stets eine frische Rolle Film im Kühlschrank, auch wenn die Super 8 Kamera von Chinon die Olympus irgendwann weitgehend ablöste. Lasse ist seit zehn Jahren dabei, Hard- und Software spezialisierter Steuerungssystem zu entwerfen. Gerade die Motorsteuerung hat es ihm angetan.

Tommy und Lasse sind Logmar, Logmar begann als Firma 2009 in Lasses Haus in Aalborg. Heute steht in den Firmenräumen eine CNC-Fräse, ein MakerBot 3D-Drucker, ein SMD Bestückungsautomat und sogar eine Reflow-Maschine zur professionellen Fertigung von Steuerplatinen mit hoher Bestückungsdichte. Eine große Kiste mit verworfenen Prototypen der Steuerplatinen deutet auf die Unermüdlichkeit und Akribie hin, die Vater und Sohn bei ihren Projekten verbindet.

Wir haben allein bei der Mechanik fünf mal komplett von vorne angefangen. Oder waren es acht mal? Ich habe aufgehört zu zählen.

Aber wie kam es überhaupt dazu, drei Jahrzehnte nach der letzten Neuvorstellung einer Super 8 Kamera nochmals eine solche zu erfinden? Angefangen hat alles mit der Krasnogorsk, der preiswerten, russischen 16mm Kamera voller zickiger Tücken. Tommy und Lasse haben für sie einst ein “Drop-in Replacement” entwickelt, eine neue Platine, die von jedermann mit wenigen Handgriffen einfach das Innenleben des russischen Kastens ersetzen konnte. So bekam man auf einen Schlag einen ultragenauen Elektromotorantrieb, eine exakte Belichtungsmessung und eine moderne Stromversorgung. Trotz Marktreife starb das Projekt, bevor es auch nur angekündigt war: So gab es bereits Bequarzungslösungen und auch war die Qualitätsstreuung der Krasnogorsk-Kameras erheblich. Schnell wurde den beiden klar: Lieber gleich richtig machen, weg mit alten Zöpfen. Wenn schon modern, dann ganz.

Lasse wollte zunächst eine bessere Ikonoskop bauen. Heute ist er froh, dass nicht probiert zu haben, denn er hatte (ähnlich wie die Entwickler der Ikonoskop-Kamera auch) komplett unterschätzt, was für ein erheblicher Aufwand das gewesen wäre. Die Signalverarbeitung, das Bewegen der Datenmengen… dafür hätte die Zeit niemals gereicht, denn Logmar ist ein Nebenprojekt, und andere haben da einfach den längeren Atem. Alle 14 Tage erscheint eine neue, digitale Filmkamera. Der Markt ist umkämpft und breit besetzt. Beide wusste aber, wie viele Super 8 Kameras, Filme und Filmer es da draussen noch gibt – und alle müssen Kameras verwenden, die mindestens 30 Jahre alt sind und eine Menge Unzulänglichkeiten mitbringen. Damit war der Antrieb geboren, etwas anders zu machen als alle anderen: Eine neue, analoge Kamera zu bauen: Als erste Firma seit vielen Jahrzehnten!

Lasse wollte zunächst 16mm machen, denn “16 war einfach mehr als 8”. Irgendetwas aber sagte den beiden, dass 8mm die bessere Wahl wären. Super-16 stirbt schneller, als Super 8 es tut – und es gibt mehr Super 8 Kameras, mehr Super 8 Filmer, mehr Projektoren… und es ist bezahlbarer.

Unsere ganze Familie hält uns für vollkommen bekloppt. Nun, eigentlich tun das alle.

Lasse hat selber nie mit Super 8 gefilmt, seine erste Kamera war eine in den USA entstandene NTSC-Videokamera mit entsprechender Qualität. Was beiden bei Super 8 schon immer fehlte: Eine Lösung für einfachen, hochqualitativen Ton. Die leidgeprüften Schmalfilmer hatten bis heute immer nur die Wahl zwischen mieser Qualität und hoher Komplexität: Der Pistenton mit annähernd Mittelwellenqualität erlaubt seit langem keine Aufnahme von Liveton mehr, Zweibandverfahren sind so angestaubt wie kompliziert und anfällig. Eine moderne Lösung ist hier also ein echtes Novum.

Die ungeahnten Tonmöglichkeiten (unten dazu mehr) sind aber mitnichten das einzige Novum. Absolut einzigartig sind auch Filmantrieb und Filmschaltwerk, neben einem echten Sperrgreifer verfügt die Kamera auch über eine eigene, feste Andruckplatte und eine kombinierte Vor- und Nachwickelrolle sowie einen Haufen Technik, den es in früheren Kameragenerationen schlichtweg noch nicht gegeben hat.

Aus innerem Antrieb

Fangen wir ganz innen an: Beim Kameramotor. Auffallend ist zunächst, wie ungewohnt leise er läuft, ein souveränes, gesundes Summen. Erstaunt bemerke ich dann, dass sich die Bildrate im Menü auf vier (!) Stellen hinterm Komma einstellen lässt und frage verwundert nach, wie das sein kann. Lasse erklärt: Der Antriebsmotor ist ein Gleichstrommotor von Maxon, wie er auch im Mars Rover verwendet wird — vom feinsten also. Andere Motoren wie zum Beispiel von Faulhaber erfüllten die hohen Ansprüche der beiden Dänen nicht. Geregelt wird er über eine komplett autarke Regelelektronik, die unabhängig von der sonstigen Kameraelektronik für unerreicht hohe Präzision sorgt: Eine PLL, getaktet von einem 100 MHz DDS, sorgt für erreichen der korrekten Umdrehungszahl in wenigen Millisekunden und absolut exaktes Einhalten der Bildfrequenz vom ersten bis zum letzten Bild. Die Fehlerrate nach 10 Sekunden Motorlauf beträgt unter 0,0003 fps – das entspräche einem einzelnen Frame Abweichung nach 90 Minuten Filmen, was aber dank PLL Nachregelung nicht entsteht.

Die Umlaufblende lieferte hier drei Impuls pro Umdrehung. Bei eingestellten 25 fps wurden über 10 Sekunden also 25.000248  fps erreicht.
Die Umlaufblende lieferte hier drei Impuls pro Umdrehung. Bei eingestellten 25 fps wurden über 10 Sekunden also 25.000248 fps erreicht.

[alert type=”info”]Ein DDS (Direct Digital Synthesizer) ist ein Baustein, der mit absoluter Präzision beliebige Frequenzen erzeugen kann. Anders als ein Quarz hat er keine feste Frequenz auf der er schwingt, sondern kann in feinsten Stufen programmiert werden. Die PLL (Phase Locked Loop, auch Phasenregelkreis genannt) sorgt, vereinfacht gesagt, für eine exakte Zwangskopplung der Eingangsfrequenz des DDS und der gewünschten Bildfrequenz der Kamera. Die Sollgeschwindigkeit ist dadurch schon nach Bruchteilen eines Millimeters erreicht und wird zwangsläufig permanent vollkommen exakt eingehalten. Herkömmliche Quarzsteuerungen brauchen oft mehrere Sekunden, bis der Regelkreis “locked-in” ist, bei der Logmar-Kamera ist alles vom ersten bis zum letzten Bild eines Takes lippensynchron.
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Der eingesetzte Motor ist so kräftig und präzis, dass er locker Bildfrequenzen bis 100 B/s regeln könnte – allerdings kann nicht nicht garantiert, dass die Mechanik und auch der Film derartigen Stress lange mitmachen würden. Vorerst wird die Logmar Kamera daher mit Firmwareseitig festgelegten 54 B/s Maximalfrequenz auf den Markt kommen.

Schlaufenformer

Genauso besonders wie der Antrieb ist die Filmführung der Logmar-Kamera. Ähnlich wie bei den ultra-seltenen Hochgeschwindigkeitskameras der Firma Mekel wird die kassetteneigene Andruckplatte von einem Mechanismus eingedrückt und beim Einlegen eine Filmschlaufe aus der Kassette gezogen, damit der Film den Weg einer klassischen Filmführung geht. Hierdurch werden nahezu alle Nachteile der Super 8 Kassette eliminiert, Kassettenklemmer sind ausgeschlossen, der Bildstand könnte nicht perfekter sein, selbst bei störrischem und nicht normgerechtem, unflexibelem Material.
An der unteren Filmschlaufe befindet sich eine Notabschaltung. Verschwindet die Schlaufe, zum Beispiel bei Filmende oder auch bei Blockaden, stoppt der Kameramotor umgehend.

Kennt man nur von Mekel: Eine echte Zahntrommel in einer Super-8 Kamera
Kennt man nur von Mekel: Eine echte Zahntrommel in einer Super-8 Kamera

Greifer

Eine beachtliche Konstruktion ist auch das Filmschaltwerk der neuen Kamera. So verfügt die Filmbühne nicht nur über eine kameraseitige, feste Andruckplatte aus anodisch oxidiertem Aluminium, sondern auch über einen echten Sperrpin. Diese Konstruktion geht sogar über die Schlepphebel hinaus, die eine Nikon R10 zur Verbesserung des Bildstandes benutzt: Der Sperrpin fixiert das Bild bombenfest während der gesamten Zeit, in der der Umlaufverschluss Licht auf den Film lässt. So ist ein bestmöglicher Bildstand garantiert. Der Sperrpin ist dabei übrigens so bemessen, dass er den Film spielfrei im Perfoloch fixiert. Der Testfilm beweist wie gut das funktioniert: Dreht man den Bildstrich in den sichtbaren Bereich, bewegt er sich auch bei Projektion mit 2m Diagonale kein bisschen. Einen solchen Bildstand hat es noch bei keiner 8mm Kamera gegeben, nicht einmal bei den besten DS8-Kameras aus der Schweiz. Das Bildfenster des Prototyps ist übrigens breiter als bei Super 8 Kameras üblich, ähnlich wie Max 8 — “so breit wie es geht”, sagt Tommy. Zudem hat es leicht abgerundete Ecken. Ob das bei den Filmfenstern der Serienkameras auch so sein wird, bleibt abzuwarten.

Sucher

Ebenso einzigartig ist das Suchersystem der Logmar-Kamera. Es ähnelt im Aufbau dem Beaulieu-Mechanismus, hat aber nur einen Verschlussvorhang. So blickt man mit dem Sucher durch die Optik und hat keinerlei Parallaxenprobleme, gleichzeitig kommen 100% des Lichts auf den Film, da kein Prisma zur Ausspiegelung des Sucherbildes vorhanden ist. Aich fehlen kameraseitige Einschwenkfilter, was der Qualität erneut zuträglich ist. Anders als in quasi allen anderen Super 8 Kameras befindet sich zwischen dem aufgesetzten Objektiv und der Filmemulsion zum Zeitpunkt der Belichtung tatsächlich nichts als eine durchgängige Luftschicht! Gleichzeitig bedeutet es, dass man ein helles und großes Sucherbild hat, das auch in großer Dunkelheit vollumfänglich zur Einstellung der Schärfe reicht. Das Sucherbild ist dabei sogar beliebig groß, denn statt einem optischen Sucher gibt es eine kleine CCD-Kamera, die das Sucherbild auf einen Monitor zaubert. Die Logmar hat hierzu nun seitlich ein schwenk- und drehbares LCD-Display fest angebracht, wie man es von digitalen Videokameras kennt. Das das Videosignal nach aussen geführt ist, lässt sich auch ein Kontrollmonitor oben auf der Kamera montieren. Ebenfalls möglich ist das anschliessen eines großen (u.U. weit entfernten) Kontrollbildschirms oder auch ein Aufzeichnen oder Senden des digitalen Sucherbildes, natürlich nur in SD-Qualität. Dem Video-vertrauten wird es fremd vorkommen, dass das Sucherbild während der Aufnahme mit der gewählten Bildfrequenz flackert, der erfahrene Beaulieu-Filmer hingegen fühlt sich sofort zuhause.

Anders als der erste Prototyp enthält die Kamera kein dediziertes, monochromes LC-Display für die möglichen Einstellungen mehr. Alle Einstellungen lassen sich jetzt komfortabel per Knopf und Drehrad über ein On-Screen-Display tätigen. Auch sind alle wichtigen Einstellungen wie Bildrate, Akku-Füllstand und ähnliches so jederzeit im Blick.
Selbstverständlich ist auch ein Einzelbildzähler vorhanden, der sowohl bereits belichtete als auch noch verbleibende Frames einer Kassette anzeigen kann. Da die Kamera bei Kassettenende abschaltet, verschenkt man kein einziges Filmbild und verliert zugleich keine irrtümlich auf “Exposed” belichtete Szene. Alternativ zum Einzelbildzähler kann der Sucher auch den Filmverbrauch bildgenau in Metern anzeigen.

Neu: Erster Prototyp des seitlich angebrachten, schwenkbaren Sucher-Monitors. Alle grünlich-grauen Teile an der Kamera sind PLU-Prototypen die dem 3D-Drucker entstammen. Sie werden in der finalen Version natürlich aus Aluminium oder hochwertigen Kunststoffen gefertigt sein.
Neu: Erster Prototyp des seitlich angebrachten, schwenkbaren Sucher-Monitors. Alle grünlich-grauen Teile an der Kamera sind PLU-Prototypen die dem 3D-Drucker entstammen. Sie werden in der finalen Version natürlich aus Aluminium oder hochwertigen Kunststoffen gefertigt sein.

Belichtungsmessung

Und doch hat die Kamera ein Prisma als Strahlenteiler: Allerdings erst hinter der Ausspiegelung. Mit diesem wird ein Teil des Lichtes auf eine Photodiode abgezweigt, die für präzise TTL-Belichtungsmessung zuständig sein wird. Im begutachteten Modell war der Belichtungsmesser noch nicht fertig implementiert, dem Profi macht aber ja auch die Benutzung eines externen Handbelichtungsmessers nichts aus. Geplant ist eine Nachführbelichtungsmessung, die auch die gewählte Bildwiederholrate berücksichtigt.
Der Hellsektor der Umlaufblende hat derzeit übrigens 180°, was aber auch noch einfach zu ändern wäre. Eine verstellbare Sektorenblende ist nicht vorgesehen, der konstruktive Aufwand ist schlichtweg zu hoch.

Gehirn

Bemerkenswert und zudem für die hohe Flexibilität und die vielen Möglichkeiten verantwortlich ist das Herzstück der neuen Kamera: Der ARM Cortex M3 als Mikrocontroller ist ein ausgesprochen leistungsfähiges und komplexes Multitalent. Der Anwender bekommt davon nichts mit, wird sich aber über die einfachen, mächtigen Funktionen und zukünftige Weiterentwicklungen der Kamera durch Updates der Firmware freuen. Der ARM-Microcontroller ist koordinierendes Herzstück für eine ganze Anzahl verschiedener, spezialisierter Baugruppen. So stellt er das OSD (On Screen Display, die Menüsteuerung der Kamera), steuert die Regeleinheit zur Bildrate, bedient den USB-Anschluss, lauscht und verwaltet WLAN-Verbindungen, koordiniert den Audio-Teil (siehe unten), regelt die Belichtungsmessung und dergleichen mehr.

Eine von vielen Revisionen der Hauptplatine: Zu sehen sind u.a. Wifi-Chip, SD-Kartenleser, der Scilab ARM Mikrocontroller, JTAG-Anschluss, DDS und PLL zur Motorsteuerung, der Chip für das On-Screen-Display und der Sanyo Motortreiber, der ohne Kühlkörper 24W Leistung schafft.
Eine von vielen Revisionen der Hauptplatine: Zu sehen sind u.a. Wifi-Chip, SD-Kartenleser, der Scilab ARM Mikrocontroller, JTAG-Anschluss, DDS und PLL zur Motorsteuerung, der Chip für das On-Screen-Display und der Sanyo Motortreiber, der ohne Kühlkörper 24W Leistung schafft.

Auch wenn früher schon Elektronik zur Steuerung verschiedener Kamerafunktionen zum Einsatz kam, so ist eine echte Mikrocontroller-Architektur wie hier doch etwas völlig anderes. Da fast alle relevanten Mess-, Steuer- und Regelvorgänge auf Software basieren, lassen sich durch Updates der Firmware nicht nur Fehler beheben sondern auch völlig neue Funktionen schaffen. Die Logmar ist diesbezüglich sehr gut aufgestellt, da sie mit USB und Wifi für die Außenwelt sichtbar wird und die Architektur sehr offen für Erweiterungen ist.

Liveton

Kernkompetenz und deutlichstes Alleinstellungsmerkmal der Logmar-Kamera sind wohl die Liveton-Möglichkeiten, die es so bei Super 8 Film noch nie gegeben hat.
Für den Anwender könnte es kaum simpler sein: Man steckt einfach eine handelsübliche SD-Karte oben in die Kamera. Pro Take enthält man dann eine alleinstehende, lippensynchrone Audio-Datei, deren Dateinamen den Aufnahmezeitpunkt nebst aktuellem Datum enthält. Nach der Aufnahme schliesst man die Kamera an den Computer an oder liest die Speicherkarte direkt aus — die Audiodateien müssen dann im Bearbeitungsprogramm nur noch unter die digitalisierten Spuren gezogen werden (oder für Kopieren auf Pistenton hintereinander gekoppelt) – fertig!

Auch hier wurde Nägel mit Köpfen gemacht: Herzstück ist das Audio-Multitalent 1063 der finnischen Chip-Schmiede VLSI. Dieses kleine Multitalent kann nicht nur Audiodateien in allen erdenklichen Formaten wiedergeben, es kann sie auch in höchster Qualität encodieren und mit 16 Bit und bis zu 48 kHz Samplingrate aufnehmen. Auch der VLSI-chip ist von hoher Erweiterbarkeit: So unterstützt er DSP-Plugins, Echtzeit Audio-Analyse, verschiedene Samplingraten und arbeitet dank Wallclock mit extrem hoher zeitlicher Präzision. Lasse arbeitet noch an Firmware-Änderungen, die Einstellung von Höhen und Tiefen sowie der Empfindlichkeit der automatischen Aussteuerung zulassen. Auch ein optionaler Audiokompressor mit variablem Attack ist vorgesehen, derlei Funktionen werden vermutlich über Firmware Updates sukzessive ausgebaut.

[alert type=”info”]Der derzeitige Prototyp enthält noch den Vorgängerchip 1053, der nur Dateien im Format Ogg-Vorbis erzeugen kann. Eine Umstellung auf den Nachfolger 1063 ist aber geplant, was auch Aufnahmen in MP3 oder unkomprimiertem 16-bit WAV Format erlaubt.
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Eingangsseitig steht eine 3,5mm Klinkenbuchse für Mikrophon- oder Line-Pegel zur Verfügung, die Anpassung des Pegels geschieht automatisch. Den Profi erfreut eine XLR/6,3mm-Kombibuchse von Neutric, die auch gleich 48V Phantomspeisung erlaubt. Diese ist natürlich Kurzschlussfest. Die Wahl des Eingangs geschieht vollautomatisch, die Aussteuerung kann sowohl manuell (per Drehknopf, nicht per fummeliger Tipptasten) als auch manuell erfolgen. Der Liveton kann über einen Kopfhöreranschluss bequem kontrolliert werden, ausserdem wird der Audiopegel (nebst Übersteuerungsanzeige) direkt im On-Screen-Display des Sucherbildes angezeigt. So steht professionellen Livetonaufnahmen nichts mehr im Wege!

Anschluss gesucht: Hier die noch unbeschrifteten Buchsen zur Außenwelt und der außen angebrachte, leicht wechselbare Video-Akku
Anschluss gesucht: Hier die noch unbeschrifteten Buchsen zur Außenwelt und der außen angebrachte, leicht wechselbare Video-Akku

Und noch ein Schmankerl bietet die mächtige Sound-Option der neuen Kamera: Optional soll es bald möglich sein, Ton aufzuzeichnen, sobald die Kamera eingeschaltet wird. Nach wie vor wird pro Take eine neue Datei erzeugt, da die Aufnahmen aber lückenlos sind, entfällt effektiv der Fieldrecorder. Auch wenn man beim Livekonzert nur 10 Minuten Film belichtet, hat man trotzdem einen hochqualitativen Mitschnitt des gesamten Konzertes – inklusiv lippensynchronen Tons!

Stromversorgung

Die Logmar-Kamera gibt sich mit standardisierten 7,2V Akkus zufrieden, wie sie an vielen Videokameras verwendet werden. Diese sind schnell zu laden, preiswert, einfach erhältlich und dienen dank verschiedener erhältlicher Größen ggf. auch gleich als Ausgleichsgewicht für lange Objektive.
Erstaunlicherweise genügt dieser einzelne Akku, um die 5 verschiedenen Betriebsspannungen zu erzeugen, die die Kamera benötigt. So werden für die verschiedenen elektronischen Baugruppen 1,8V, 3,3V und 5V benötigt. Die Phantomspeisung des Mikrophoneingangs liefert normgerecht zweimal satte 48V. Der Kameramotor bekommt Betriebsspannungen zwischen 7 und 30V bei 24 Watt, um bei jeder Geschwindigkeit mit bestem Wirkungsgrad zu arbeiten — derlei Perfektionismus hat es bis dato in keiner Super 8 Kamera gegeben.

Ein großes Akkupack eignet sich gut zum ausbalancieren bei der Verwendung langer Objektive
Ein großes Akkupack eignet sich gut zum ausbalancieren bei der Verwendung langer Objektive

Besonderheiten

Das besondere Suchersystem der Logmar-Kamera bedingt ein paar besondere Verhaltensweisen, die dem Nizo- oder Bauer-gewöhnten Schmalfilmer zunächst unvertraut sein werden.
Zum einen ist der Kassettenwechsel natürlich ein wenig aufwendiger als bei normalen Kameras, da mal eine Filmschlaufe herausziehen und mit der Hand einfädeln muss. Auch verwendet die Logmar-Kamera glücklicherweise keinerlei Abtaster für Kassettenkerben, es bleibt also dem Anwender überlassen, Belichtung und ggf. Konversionsfilter korrekt einzustellen.

Zu bedenken ist auch, dass ein Entnehmen des Filmes aus der Kamera durch den Sperrpin erst möglich ist, wenn die Kamera “geparkt” ist. Im derzeitigen Prototyp muss der Anwender das Parken des Sperrpins noch selbst im Menü initiieren, ansonsten hängt der Film fest. Für die Serienversion ist vorgesehen, dass der Sperrpin bei öffnen des Filmraums automatisch in Parkposition geht.

Da die Logmar-Kamera dank der einmaligen Motorsteuerung ohne mechanische Bremse am Umlaufverschluss auskommt, kann man optional das letzte Bild einer jeden Szene für einige 100 ms belichten. Sinnvoll ist das bei der Arbeit mit Negativmaterial, da die einzelnen Takes so sehr klar erkennbar unterteilt sind, was den Schnitt vereinfacht. Der projizierender Umkehrfilmer kann diese Funktion natürlich auch deaktivieren.

Anschluss gesucht

Neben den bereits erwähnten Anschlussmöglichkeiten für Ton-Peripherie bietet die Kamera eine bisher ungekannte Kontaktfreudigkeit zur Außenwelt. Mechanisch ist an der Vorderseite ein C-Mount Anschluss für Cine-Objektive vorgesehen. Ein PL-Mount wäre denkbar, wurde aber aus Kostengründen vorerst weggelassen. Oben auf der Kamera befindet sich ein Blitzschuh für Mikrofone oder Lampen. An der Unterseite befindet sich eine Stativschraube, in der ggf. auch ein Handgriff mit Auslöser montiert werden kann. So auffällig wie praktisch ist der große Handgriff an der Oberseite, mit dem die Kamera komfortabel und sicher bewegt werden kann.

Auch auf der elektrischen Seite ist die Kamera Gesprächig: Auf der Oberseite befindet sich eine Buchse für das Videosignal des Suchers. Gleich daneben ist die WLAN-Antenne zu sehen: Die Kamera lässt sich nämlich per WLAN fernsteuern. Geplant ist die Offenlegung eines einfachen, mächtigen Protokolls, mit dem jeder Gewillte selbst Anwendungen nach Wunsch programmieren kann. Denkbar sind hier neben klassischen Fernsteuerungen auch Intervalometer, Auslösung per Bewegungsmelder, Geräuschsensor, Lichtschranke u.ä.
Geplant ist es, sämtliche Einstellungen der Kamera auch aus der Ferne konfigurieren zu können, neben der exakten Framerate aber auch so Dinge wie die exakte Belichtungszeit einzelner Frames, DSP-Optionen und anderes mehr.

Zu guter letzt sorgt ein USB-Anschluss für verkabelten Kontakt nach außen. Hierüber lässt sich sowohl neue Firmware einspielen als auch die SD-Karte mit den Audio-Aufnahmen auslesen, ohne einen Kartenleser zu bemühen. Entwickler, die das offene Protokoll der Kamera verwenden wollen, können über die USB-Schnittstelle zudem Debuginformationen auslesen.

Geburtshilfe

Und wann ist sie nun zu haben? Wenn alles gut geht, gegen April 2014. Der Prototyp ist nahezu “feature complete”, die Beta-Testphase beginnt in diesen Tagen. Erster Schritt zum Endprodukt wird es dann sein, mindestens zehn Vorbestellungen zusammen zu bekommen, um Gießformen und Werkzeuge für jene Teile zu fertigen die derzeit noch aus dem 3D-Drucker kommen. Danach kann dann eine echte Serienfertigung beginnen. Der Einführungspreis für Vorbesteller wird vermutlich zwischen €2.000 und €2.500 liegen – nach über 300.000 investierten Dänischen Kronen, über 100 handgefertigten Spezialteilen pro Kamera und vier Jahren unentwegter, unbezahlter Arbeit ein sehr faires Angebot.
Als besonderes Schmankerl können die ersten mutigen Zehn neben schwarz auch blau oder rot anodisiertes Aluminium für das Gehäuse wählen.

Mit exakten 100 cN wickelt die Logmarkamera den Film sauber auf dem Kern der Kassette auf
Mit exakten 100 cN wickelt die Logmarkamera den Film sauber auf dem Kern der Kassette auf
Hier sieht man den Prototypen mit 10mm Cooke Optik und angeschrautem Handgriff, So ist sie nur etwas breiter als die Spitzenmodelle der 70er Jahre.
Hier sieht man den Prototypen mit 10mm Cooke Optik und angeschraubtem Handgriff, So ist sie nur etwas breiter als die Spitzenmodelle der 70er Jahre.

Ein Praxistest wird in den nächsten Tagen folgen – Filmkorn wird ausgiebig berichten!

Von der Spule auf die Scheibe: Grandma Lo-Fi

Von der Spule auf die Scheibe: Grandma Lo-Fi

In dieser Kolumne stellen wir 8mm-Filme vor, die auf DVD veröffentlicht wurden. Der Anfang wurde in Schmalfilm (5/2011, 2/2012, 1/2013) gemacht, nun geht es hier weiter.

Grandma Lo-Fi, DVD-Hülle

Grandma Lo-Fi: DVD-Hülle

Grandma Lo-Fi: The Basement Tapes of Sigrídur Níelsdóttir
Island 2011, 63 min.
Regie: Orri Jónsson, Kristín Björk Kristjánsdóttir, Ingibjörg Birgisdóttir

Im Alter von 70 fand die in Island lebende Dänin Sigrídur Níelsdóttir zu ihrer Berufung. Innerhalb von sieben Jahren nahm sie 687 selbstkomponierte Lieder auf Audiocassetten auf, zuhause, mit halbautomatischer Akkord- und Rhythmusbegleitung ihres Casio-Keyboards und Geräuscheffekten aus Küchenutensilien. Insgesamt 59 CDs entstanden so. Daneben gestaltet Níelsdóttir, im selben fröhlichen Hausmacherstil, Fotocollagen. Dies brachte ihr schnell Kultstatus unter Musikern und Künstlern in Island ein, ähnlich dem Berliner Selfmade-Beatle und Super 8-Filmer Klaus Beyer.

Jahre lang begleiteten die Musiker und Künstler Kristín Björk Kristjánsdóttir, Orri Jónsson und Ingibjörg Birgisdóttir “Grandma Lo-Fi” mit der 16mm- und Super 8-Kamera, rekonstruierten ihren Lebensweg und führten zahlreiche Gespräche. Heraus kam ein gut einstündiger Dokumentarfilm, der nicht nur redende Köpfe zeigt, sondern auch durch zahlreiche Kurzanimationen im bunt-naiven Stil von Níelsdóttirs Collagen aufgelockert ist. In den besten Momenten ufert das in kinderbuchartige Phantastik aus. Zwischendurch singen isländische Musiker in farbenfrohen Kurzvideos Hommagen an die Frau, die 2011 verstarb – noch vor der Uraufführung beim Rotterdamer Filmfestival.

Sigrídur Níelsdóttir beim Musizieren.

Sigrídur Níelsdóttir beim Musizieren.

Wie man im Trailer unten sieht, hat der Film Charme und ist liebevoll gemacht. Die Macherinnen setzten Super 8 und 16mm überzeugend als Äquivalent von Níelsdóttirs Cassettenaufnahmen und analoger Amateurästhetik ein. Auch in der DVD-Fassung ist das Material so digitalisiert, dass Filmkorn und Kratzer sichtbar bleiben. Ton und Filmschnitt sowie Licht und Kameraführung der 16mm-Aufnahmen sind professionell.

Bemängeln kann man jedoch, dass der Film zu weiten Teilen belanglos-nett vor sich hinplätschert. “Nett” ist auch das passende Attribut für die Musik und die Bilder der Grandma Lo-Fi, denen – wie man am Ende erfährt – freikirchliche Bibellektüre vorausging. Da die Adventisten, denen Níelsdóttir anhing, teilweise zum christlichen Fundamentalismus gezählt werden können, hätte man sich von den Filmemachern etwas weniger Konsenssauce und zumindest leises Nachhaken gewünscht. Außergewöhnlich ist an Níelsdóttirs Schaffen ansonsten die schiere Quantität. Sieht man davon ab, ist trocken festzustellen, dass es interessantere Outsiderkünstler gibt, und zwar auch unter den Naiven und nicht-Psychotikern (wie z.B. den schon genannten Klaus Beyer).

Grandma Lo-Fi: Trailer

Angebracht ist auch ein technischer Warnhinweis an alle Hardcore-Analogfilmer unter unseren Lesern: “Grandma Lo-Fi” wurde zwar auf Schmalfilmmaterial gedreht, aber digital geschnitten und als HD-Video gemastert und vorgeführt. Bis auf ein paar putzige Super 8-Stoptricks stammen auch die meisten Animationen aus dem Rechner. Störend ist das nicht. Was aber nervt, ist der billige Pseudo-Schmalfilm-Digitalfilter auf den Hommage-Clips der isländischen Musiker.

“Grandma Lo-Fi” dreht immer noch seine Runden auf zahlreichen kleineren und mittelgroßen Filmfestivals und konnte eine Reihe von Preisen einheimsen. Die hier besprochene DVD-Fassung wurde vom Filmfestival Rotterdam verlegt und ist bislang die einzige, die man kaufen kann. Leider bietet sie nur niederländische Untertitel unter dem dänischen und isländischen Originalton.

Originaltitel: Amma Lo-Fi
Isländisch & Dänisch mit niederländischen Untertiteln
DVD, 2012
Tiger Releases, herausgegeben vom International Film Festival Rotterdam, Distributor: Filmfreak, Amsterdam
Erhältlich für 16,90 EUR u.a. bei bol.com

Spulendornadapter Super 8 auf 16mm

Spulendornadapter Super 8 auf 16mm

16mm Umroller sind recht einfach und günstig zu haben – bei Super 8 sieht es leider anders aus. Zwar kann man gelegentlich einen Betrachter zweckentfremden, dieser lässt sich aber nicht einfach standsicher am Tisch befestigen, scheitert bei großen Filmspulen und neigt bei größeren Kräften zum Zusammenklappen. Read More

Noris – die Marke aus Nürnberg

Noris – die Marke aus Nürnberg

150.000 Laternae Magicae, 80.000 Dampfmaschinen, -lokomotiven und -schiffe. Die Jahresproduktion der Nürnberger Firma des Flaschnermeisters Ernst Plank kann sich 1900 sehen lassen. 130 Mitarbeiter stehen in Lohn und Brot. 1866 hat er 22-jährig seinen Betrieb gegründet, um optische wie technische Spielwaren zu produzieren. 1882 stellt er bereits die erste elektrische Eisenbahn vor. Doch nach dem Ersten Weltkrieg läuft die Fertigung von Spielwaren unter seinem Sohn Karl nur mühsam wieder an. 1929 schließlich die Weltwirtschaftskrise – das stark exportabhängige Unternehmen hat finanzielle Probleme und verkauft an die Gebrüder Schaller in Nürnberg.

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Modernisierte Nizos aus Paris

Modernisierte Nizos aus Paris

Die Nizo 801, eine der von Re:Voir verkauften Kameras

Die Nizo 801, nun auch im Verkauf bei Re:Voir.

Der französische Filmverlag Re:Voir, bekannt für seine DVD-Editionen von Experimentalfilmklassikern, verkauft ab sofort auch generalüberholte Nizo-Super 8-Kameras.

Die Kameras wurden so eingestellt, dass sie die heutigen Filmsorten Ektachrome 100D, Vision 50D und 500T richtig belichten. Sie werden mit drei Monaten Gewährleistung verkauft. Hinter dem Angebot steht neben Pip Chodorov, Filmemacher und Gründer von Re:Voir, der Filmtechnik-Tüftler Christophe Goulard. Kaufen kann man sowohl vor Ort in Paris, als auch via Internet.

Aus zwei Gründen ist dies uns eine Meldung wert. Erstens ist Re:Voir eng mit den Pariser Filmkunstinitiativen Film Gallery und L’Abominable, einem Künstler-Filmlabor, verbunden. Mit ihren Einnahmen fördert die Firma aktive 8- und 16mm-Filmer. Und zweitens hat Goulard einigen Nizos ein besonderes Extra spendiert: einen Drehknopf, mit dem sich die Filmempfindlichkeit der Kamera manuell zwischen 50 und 500 ASA einstellen lässt. In Zeiten, in denen so viele verschiedene Filmsorten in Super 8-Kassetten abgefüllt werden, vermisst man dies bei anderen Kameras oft schmerzlich!

Nachtrag: Pip Chodorov freut sich über die positiven Reaktionen der filmkorn-Leser und erklärt die technischen Details:

Christophe Goulard von “L’Abominable” baut diese Kameras um. Er ist ein Genie. Der Einstellknopf klinkt sich in einen bereits vorhandenen Einstellmechanismus (Potentiometer?) in der Kamera, mit dem Techniker die Belichtungsautomatik kalibrieren konnten. Er bohrt ein kleines Loch genau über diesem Bauteil, setzt den Knopf ein und graviert ihm kleine Plus- und Minus-Markierungen für die ASA-Werte ein. Jede Markierung steht für eine Verdoppelung bzw. Halbierung des ASA-Werts. Das kann man einfach überprüfen, indem man die Messwerte eines externen Belichtungsmessers mit den Werten vergleicht, die die Kamera liefert. Dreht man am ASA-Knopf, so ändern sich diese Werte. Gleicht man sie seinem externen Belichtungsmesser an, so funktioniert von nun an die Belichtungsautomatik genau auf dem eingestellten ASA-Wert.

Zweite Aktualisierung:
Re:Voir bietet jetzt auch einen Umbauservice für Kunden an, die bereits ein Nizo-Kamera besitzen. Die Modifikation der kleinen Nizos bis einschließlich zum Modell 156 ist unproblematisch und kostet 65 Euro. Später soll ein Umbauservice für die großen Nizo-Kameras (wie die 801) hinzukommen. Neben einem manuellen ASA-Einstellrad, das die Kassettenerkennung vollständig ersetzen wird, soll der Belichtungsmesser an die normalen Kamerabatterien angeschlossen werden, so dass die PX-Knopfzelle überflüssig wird. Dieser Umbau soll, sobald er ausgetestet ist, für 130 Euro angeboten werden.

Kontakt
Re:Voir / Film Gallery
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Ganz Patent: die Luxus-Wechselkassette

Ganz Patent: die Luxus-Wechselkassette

Faszinierend, was der Münchner Tüftler Martin Prohaska 1967 zum Patent anmeldete: Im nüchternen Patentdeutsch ist es eine “Kassette für kinematographischen Super 8 Rollfilm”, in der Beschreibung verbirgt sich eine massiv verbesserte Version der allseits hassgeliebten S8 Kassette – vollkompatibel, aber mit etlichen Verbesserungen. Eine wiederbefüllbare Kassette mit gelagerten Gleitrollen, Rückspuleinrichtung, Filmzählwerk, einem verbesserten Andrucksystem, Platz für 20m Film und einem wiederverschliessbaren Deckel.
Ob es diese Kassette jemals gegeben hat? Vermutlich nicht, und wenn, dann nur als Prototyp. Interessant ist es trotzdem, was man sich in Untermenzing kurz nach der Super 8 Markteinführung für Gedanken machte.

Selbst die verbesserte Agfa-Kassette mit nadelgelagertem Wickelteller für den unbelichteten Rohfilm reichte Prohaska nicht: Er spendierte seiner Kassette drei in beide Kassettenhälften ragende, gelagerte Gleitrollen (8), um die Friktion beim Filmtransport auf ein Mindestmaß zu beschränken. Auch sah er eine (gleitende, nicht kraftschlüssige) Verbindung beider koaxial angeordneter Spulen vor; da diese die gleiche Drehrichtung haben und sich so bei anfallenden Lasten gegenseitig “unterstützen” können.

Prohaskas Kassette sieht nicht nur einen schlüssiger gelagerten Aufwickelkern vor, dessen Lager durch den gesamten Kassettenraum reicht, wodurch Auf- und Abwickelspule stets parallel stünden; auch der Rohfilmwickel soll auf einer Vorratsspule lagern, die über eine Öffnung an der Oberseite (18, 20) ein komplettes Rückspulen des Filmes erlaubt – ganz ähnlich dem von der gängigen Super 8 Kassette bekannten Antriebsloch.

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Eine federnd gegen den abwickelnden Filmwickel gelagerte Skala sollte dabei ein einfaches Ablesen des Füllstandes erlauben (16).

Auch war ihm das Beladen und Einfädeln des Filmes zu kompliziert. Jeder, der seine Super 8 Kassetten heute selbst befüllt, kennt es: Der Film muss mühsam durch die Kassette gefädelt und dann in völliger Dunkelheit sicher am Aufwickelkern befestigt werden. Die verbesserte Kassette erlaubte es, vorkonfektionierten Film bereits beidseitig mit Spulen versehen zu haben und den Film so wesentlich einfacher einfädeln zu können. Vorgesehen war hierzu eine entfernbare, einrastende Andruckplatte (skurrilerweise ausgerechnet durch Schaumstoff gefedert), die nach Beladen der Kassette lediglich wieder in eine für sie vorgesehen Nut geschoben werden musste.

Wohl ein Luftschloss…

Leider enthält Prohaskas Erfindung eine Menge konzeptioneller Fehler und wird somit nie umsetzbar gewesen sein. Die von ihm vorgesehenen Spulen im Kassetteninneren verhindern leider, dass der Film auf ausreichend Strecke die “Seite wechseln” kann. Eine Kopplung beider Spulen, auch ohne vollen Kraftschluss, würde ob der unterschiedlichen Wickeldurchmesser zwangsläufig zu Staus führen. Gerade zum Beginn einer Kassette würde eine Umdrehung des Aufwickelkerns drei Umdrehungen des Filmvorrats bewirken — wo soll dieser Film aber hin?
Das Federband für die Filmverbrauchsanzeige soll durchgehend am Filmwickel schleifen — das erzeugt nicht nur wieder viel Reibung, es garantiert auch schöne Laufstreifen. Zudem kann die Skala dieser Verbrauchsanzeige nicht linear gestaltet sein. Und die vorgesehene Kapazität von 20m — wo wird dieser Platz gewonnen?

Auch enthält die vorgesehene Andruckplatte keine Aussparung für den Greifer. Herr Prohaska war sich wohl nicht bewusst, wie das Kassettensystem exakt funktionierte und verbesserte “auf Sicht” — so sind Tungsten- und Empfindlichkeitskerbe für ihn auch nur “Ausnehmungen zur Aufnahme mechanischer Teile der Filmkamera”. Vermutlich hätte er sie sonst verstellbar ausgelegt.

Zu guter letzte fehlt der Erfindung die Ratsche des Aufwickelkerns. Nähme man diese Kassette aus der Kamera, würde der Aufwickelkern weit aufschnurren, ein Transport des Filmes wäre also (zum Beispiel nach einer vorgesehenen Rückspulung) nicht mehr gewährleistet.


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