Kurzes, dreckiges Vergnügen: Der Créative 50D aus Frankreich

Kurzes, dreckiges Vergnügen: Der Créative 50D aus Frankreich

Kurzes, dreckiges Vergnügen: Der Créative 50D aus Frankreich
Hübsch bunt: Die korrekt gekerbte Kodakkassette
Hübsch bunt: Die korrekt gekerbte Kodakkassette

Seit einer Weile bietet die knallbunte Webseite Super8France.com einen ominösen Farbumkehrfilm an: Der “Créative 50D” ist für überraschend günstige €23.99 zzgl. Versandkosten zu haben. Da der Versand nach Deutschland mit 20€ recht teuer ausfällt, musste filmkorn.org fast €45 für die Testkassette bezahlen. Es lohnt sich also, bei Interesse eine größere Bestellung mehrerer Kassetten zu tätigen.

Nur wer kauft schon gern die Katze im Sack? Betreiber Freddy Alliotte hüllt sich leider in Schweigen, was das für ein ominöses Material ist. Nach dem ausführlichen Test und umfangreichen Vergleichen wagt filmkorn.org mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu behaupten: Es handelt sich um Agfa RSX 50 Material, auch bekannt als Kahl UT 18, das vermutlich von Kahlfilm konfektioniert wurde.

Film im Silberbeutel: Leider nicht luftdicht versiegelt
Film im Silberbeutel: Leider nicht luftdicht versiegelt Film im Silberbeutel: Leider nicht luftdicht versiegelt

Doch nun zu den Details!

Geliefert wird die Kassette in einem bunt beklebten, silbernen Kunststoffbeutel, der leider nicht luftdicht verschlossen ist. Eine baldige Belichtung ist also anzuraten, zumal das Material schon sehr alt ist. Die Filmkassette ist korrekt auf 40 ASA Tageslicht gekerbt, was ihm gut tut, 50 ASA hat er nämlich nicht mehr und eine 50-ASA Kerbe gibt es auch gar nicht. 64 ASA wäre definitiv zu knapp. Der Film ist übermäßig geschmiert, im Filmfenster sind auch nach einigen Umdrehungen noch glänzende Schlieren zu sehen – ein erster Hinweis auf Kahl, der seine starren Restposten gern mit einem kräftigen Hub Silikonspray gängig macht. Die Kassette ist von Kodak, allerdings ohne Kodak-Logo, das von Herrn Kahl sonst extra eingestanzte Kahl-Logo fehlt. Der Film lief anstandslos durch die Nikon R10. Nach der Belichtung wurde das Filmende sichtbar, welches ebenfalls dem anderer Kahlfilme entspricht.

Nass glänzend: Übermässig geschmierte Filmbahn
Nass glänzend: Übermässig geschmierte Filmbahn Nass glänzend: Übermässig geschmierte Filmbahn

In der Dunkelkammer dann die erste Überraschung: Der Film lässt auf der Lomo-Spirale gute 5 Windungen frei, und in der Tat ist er nur knapp 11,5 Meter lang!
Ob man 25% Verknappung noch als “Produktionstoleranz” akzeptieren will, sei jedem selbst überlassen. Meinem Kurzfilmprojekt zumindest fehlte so fast die komplette letzte Minute, was das Ergebnis leider recht sinnlos macht, da die Pointe nun fehlt.

Die zweite Überraschung ist die gehörige Portion Staub im Inneren der Kassette. Schon nach dem Einspulen des Filmwickels aus der Hand in die Lomo-Spirale wunderte ich mich über die klebrigen Krümel an meiner Hand. Ein Blick in die (Kahl-typisch nur ganz leicht verklebte) Kassette zeigte dann den Grund: Kartonstaub, Hausstaub und Haare haben sich mit dem Silikonspray wunderbar verklebt und kleideten die Filmbahn aus. Das Bildfenster meiner Nikon sah entsprechend aus.

Herr Kahl hat offenbar eine Katze. Nur warum bewahrt die seine Leerkassetten auf?
Herr Kahl hat offenbar eine Katze. Nur warum bewahrt die seine Leerkassetten auf? Herr Kahl hat offenbar eine Katze. Nur warum bewahrt die seine Leerkassetten auf?

Positiv anzumerken ist, dass zumindest mein Film (abgesehen von der absurden Kürze) sauber konfektioniert zu sein scheint. Die Perfo sitzt korrekt, die Breite stimmt und die Kanten sind frei von Grat, was bei Produkten von Kahlfilim leider keine Selbstverständlichkeit ist. Nützt nur leider nicht viel, wenn die Kassette von innen derartig verdreckt ist.

Ein weiteres, typisches Kahl-Indiz sind Anschnitt und Befestigung des Filmendes am Wickelkern mit zweierlei Doppelklebeband. Typ, Farbe, Maß und Schrumpfung des um den Kern geschlungenen Klebebandes entsprechen exakt dem aus einer Kassette Kahl NC15.

In der Projektion zeigte sich dann klar der RSX 50 alias “Kahl UT 18”: Schöne, gefällige, natürliche Farben, der Kontrast eher auf der flachen Seite, das Korn recht deutlich (aber mehr luminant als chrominant), die Schärfe mäßig. Ein Velvia ist das nicht, keinesfalls. Auch Farbe und Biegeverhalten des unbelichteten Films entsprechen exakt der hier noch lagernden UT 18 Meterware.

Überraschenderweise hat der Film seine jahrzehntelange Überlagerung recht gut verkraftet: Die Maximaldichte ist hoch (kein Fog), die Farben sind stichfrei und neutral. Ob Korn und mangelnde Schärfeleistung des RSX 50 im Vergleich zu Kodaks E100D auch früher schon so schwach waren, kann ich nicht beurteilen.

Fazit

Wer mit 11,5m kurzem Film leben kann, von übermäßiger Schmierung und Staub nicht gestört ist und auch sonst Kahl-typische Produktionseigenheiten in Kauf nehmen kann, der kann hier für knapp 24€ (längenkorrigiert 32€) noch mal zu Farbumkehrmaterial kommen, das deutlich weniger Körnig als der Wittnerchrome 200D / Avichrome ist. Einen Velvia oder ein Kodakmaterial sollte man hier aber nicht erwarten, farblich besser als die Kahlschen Scotchchrome-Reste ist es aber allemal. Mir persönlich ist das kahl-immanente Risiko dafür zu groß, ich bin mit seinem geringen Qualitätsanspruch und dem legendär-katastrophalen “Servive” schon oft genug auf die Nase gefallen.

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Friedemann Wachsmuth

Schmalfilmer, Dunkelkammerad, Selbermacher, Zerleger, Reparierer und guter Freund des Assistenten Zufalls. Nimmt sich immer viel zu viele Projekte vor.

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