Eine Polavision-Kassette lässt die Hüllen fallen

Eine Polavision-Kassette lässt die Hüllen fallen

Eine Polavision-Kassette lässt die Hüllen fallen

Viele haben sich schon gefragt, wie die Polavision-Kassetten genau funktionieren. Vor gut fünf Jahren schreib mir Leser Thomas Degenfelder dazu bereits eine genauere Erklärung per Email, die ich hier nun mit minimaler Verzögerung mit der Allgemeinheit teile. 🙂

Es hat mich so gewurmt, daß mein neuerlicher Versuch einer erfolgreichen Polavision-Belichtung wieder nicht geklappt hat, daß ich an einer unbelichteten Kassette den kompletten Aufnahme- und Entwicklungsvorgang noch einmal vollständig simuliert habe.

Ich weiß jetzt, warum das Entwickeln nicht mehr funktioniert (Entwicklerflüssigkeit sehr stark eingedickt und auch im erwärmten Zustand kaum mehr fließfähig).

Ich weiß jetzt aber auch, wie der gesamte Vorgang im Detail funktioniert. Das Zusammenspiel von Laschen und Röllchen, von Schieberchen und Kontakten, von Kunststoffbändern und Widerhaken ist das abenteuerlichste, was ich in meinen 47 Jahren Tüftelei je gesehen habe.

Die Belichtung in der Kamera ist nichts Besonderes – spektakulär ist, was beim Rückspulen im Player passiert:

[list type=“arrow“]
[li]Der Film hat sich beim Belichten in der Kamera auf die linke Spule aufgewickelt[/li]
[li]Beim Zurückspulen im Player verfängt sich eine rote Kunststofflasche in einer Aussparung des Films, wird mit aufgewickelt und reißt – mehrfach durch kleine Röllchen umgelenkt – den Entwicklertank auf. Ist der Tank aufgerissen, reißt das Kunststoffband an einer Sollbruchstelle ab und bleibt in der Kassette liegen[/li]
[li]Im besten Fall läuft nun die Entwicklerflüssigkeit durch das kleine Fenster auf den zurücklaufenden Film und entwickelt diesen[/li]
[li]Am Ende des Rückspulvorgangs verfängt sich eine Blechlasche, die bislang einen elektrischen Kontakt geschlossen hielt, an zwei Einkerbungen im Film, wird mitgerissen und öffnet den Kontakt. Dieser Kontakt steuert offensichtlich den Player[/li]
[li]Diese Blechlasche reißt eine andere Blechlasche mit, welche das Entwicklerfenster verschließt. Diese Blechlasche hat Widerhaken, so daß das Entwicklerfenster für immer verschlossen bleibt[/li]
[li]Die Blechlaschen werden beim Zurückziehen gleichzeitig aus der Filmbahn gezogen, so daß sie sich im Film kein zweites Mal verfangen können.[/li]
[/list]

Von so Kleinigkeiten wie Spulenarretierungen usw. rede ich gar nicht. Alles in allem ein irrsinniger Aufwand, das konnte nur schiefgehen…

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Friedemann Wachsmuth

Schmalfilmer, Dunkelkammerad, Selbermacher, Zerleger, Reparierer und guter Freund des Assistenten Zufalls. Nimmt sich immer viel zu viele Projekte vor.

6 Kommentare

Klaus Schreier
Klaus Schreier Veröffentlicht am23:34 - 2. Juni 2013

Wird zum Entwickeln nur eine Chemikalien-Komponente benötigt?
Entwickler / Farbentwickler / Umkehrbad / Fixierer in einem?

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    Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am15:31 - 3. Juni 2013

    Ja — genau wie in Polaroid-Papierbildern. Das Verfahren hat fast nix mit der Entwicklung zu tun, die wir sonst so kennen… ist saukompliziert, kontrollierte Diffusion durch Schichten und so. 🙂

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Jörg Polzfuß Veröffentlicht am15:12 - 4. Juni 2013

Die Frage wäre, ob diese Kassetten einfacher mit Meterware zu befüllen sind als Super8-/Single8-Kassetten… wobei sich der Aufwand wohl nur lohnt, wenn man eine Mekel 300 besitzt – die originale Polavision-Kamera von Eumig ist ja nicht so dolle…

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    Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am15:14 - 4. Juni 2013

    Das müsste man mal probieren. Polavision war ja sehr sehr dünn, von normalem Material gingen vermutlich nur 5-7 Meter rein…

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Martin Rowek Veröffentlicht am19:45 - 4. Juni 2013

Mekel 300?

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