Festival der Künstler-Filmlabore in Colorado

Festival der Künstler-Filmlabore in Colorado
Chromaflex, experimentelle Farbfilmentwicklung mit Richard Tuohy vom australischen Nanolab - und Mottobild des diesjährigen TIE in Colorado

Chromaflex, experimentelle Farbfilmentwicklung mit Richard Tuohy vom australischen Nanolab – und Mottobild des diesjährigen TIE in Colorado

Seit einigen Jahren boomen künstlerische Selbstmacher-Werkstätten für handentwickelten 8- und 16mm-Film. Die Website filmlabs.org verzeichnet 27 von ihnen auf der ganzen Welt, darunter im deutschsprachigen Raum das LaborBerlin, die filmkoop wien und die Hannoveraner Filmwerkstatt Sector 16.

Das renommierte Experimentalfilmfestival TIE im amerikanischen Colorado Springs widmet sich deshalb in diesem Jahr ausschließlich den „artist-run film labs“ mit einem fünftägigen Programm. Filmvorführungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Installationen und Workshops sind geplant.

Die Festivalmacher schreiben (im Original auf Englisch):

Mit unseren künftigen Aktivitäten und Publikationen möchten wir die Wahrnehmung von Film als einer veralteten künstlerischen Darstellungsform anfechten und etwas dagegen tun, dass der Zugang zu etablierten Filmlabors und Techniken deswegen verloren geht. Doch statt diesen status quo zu beklagen, sieht das TIE eine große Chance für alle Betroffenen, sich die Mittel filmischer Produktion vollständig selbst anzueignen – und zwar auf eine nicht-elitäre und revolutionäre Weise. Um [den Experimentalfilmmacher] Nicolas Rey zu zitieren: ‚Jetzt, da die Filmindustrie Stück für Stück das Medium Film aufgibt, gehen die technische Ausrüstung, das Wissen und die Praktiken in Künstlerhände über‘.

Filmemacher, die Filme in einer künstlerischen Filmwerkstätte produziert haben, können diese noch fürs TIE einreichen. Die Kontaktadresse hierfür lautet: film@experimentalcinema.org.

George Kuchars 8mm-Manifest

George Kuchars 8mm-Manifest
George Kuchar in seinem Film "Hold Me While I'm Naked", 1966

George Kuchar in seinem Film „Hold Me While I’m Naked“, 1966

Im September 2012 starb der amerikanische Underground-Filmer George Kuchar, ein Pionier der Camp-Kultur. Seine Travestien alter Hollywood-Melodramen drehte er auf Normal-8, später auf Video. Filmregisseure wie John Waters waren maßgeblich von ihm beeinflusst.

1964 saß Kuchar auf dem Podium einer New Yorker Experimentalfilmer-Diskussion zum Thema „8mm.: Avant-Garde of the Future?“. Neben ihm saß Lenny Lipton, der kurz darauf Schmalfilm-Fachautor wurde und das Standardwerk The Super 8 Book schrieb. Vor ’64 hatten amerikanische Experimental- und Untergrundfilmer nur auf 16mm gedreht. Kuchar, der nicht aus der Künstlerszene kam, sondern als Jugendlicher in der Bronx zu filmen begann, hatte als Außenseiter das Wort. Sein Plädoyer fürs 8mm-Filmen hätte niemand anders so formulieren können. Wir veröffentlichen es hier zum ersten Mal auf Deutsch.

8mm-Manifest

Ja, 8mm ist eine Verteidigungswaffe in dieser Gesellschaft automatisierter Korruption, weil wir uns mit 8mm und seinen mickrigen Abmessungen den Dimensionen des Atoms annähern.

Wir, in dieser modernen Welt geologischer Inaktivität, erleben jetzt eine Evolution, die um Ministrösitäten evolviert. Wir denken nicht mehr in großen Dimensionen außer bei Atombombardements, und deshalb kommt man jetzt öfters Menschen mit kleinen Dingern entgegen. Acht mm ist eines dieser kleinen Dinger, doch 8mm wird riesig, wenn der Kegel einer Projektorlampe psychotische Abnormalitäten groß zum Erleuchten bringt.

In den Händen jedes potentiellen Perverslings wird dieses Medium zur Tonskulptur mit Hefesockel. Besprengt man sie mit ein paar Spritzern Flüssigkeit, bläht sie sich zu sagenhaften Ausmaßen auf. Doch dabei sieht man, wie die Tonhülle, die das ganze ummantelt, auseinanderbricht und alles dreckig macht.

Es zeigt sich die innere Schönheit des Werks, während der Filmemacher durchknallt und sich am Ende umbringt. Wenn Du Deinem eigenen Bösen ins Auge schaust, gibt das Deinen Innereien, die bislang nur Buttermilch gewöhnt waren, Acid-Saures.

Dass 8mm die neue Avantgarde wird, ist ansteckend wie ein Krankheitsherd, weil wir alle Avantgarde bis zur Vernichtung sind. Und nur wenn wir uns mit den Folgen totaler Verunstaltung konfrontieren, können wir klarer denken und weinen, weil wir uns nicht mehr moralisch abkapseln können.

Was erlaubt uns denn überhaupt zu fragen, ob 8mm die künftige Avantgarde ist, wenn nur Gott und der Vatikan die sichere Antwort wissen? Moralische Fragen dieser Art sollte man niemals den Schmutzfingern von Beatniks überlassen, die daraus Brezeln der Verderbtheit flechten. Sollen doch Beatniks und frustrierte leitende Angestellte 8mm-Film zu ihren Ebenbildern verdrehen und damit andere Leute in die Welt der Betäubungsmittel und des geistigen Totalzusammenbruchs hineinriechen lassen.

Seit zwölf Jahren habe ich auf 8mm gedreht und gesehen, was es einem Menschen antut. Der schöpferische Intellekt durchläuft eine Großrevolte, die Fenstergitter des guten Benehmens springen aus den Flügelrahmen geistiger Gesundheit, bis alles ein Wirbelstrom lampenglimmenden Breis wird. Acht mm hat mich gelehrt, klarer zu denken und mich direkter auszudrücken. Ich wurde in diese 8mm hineingeboren wie in meine Kirchenzugehörigkeit, weil mir meine Tante ihre Filmkamera lieh und mir meine Mutter später eine zu Weihnachten schenkte. Jetzt werde ich einen 16mm-Spielfilm namens Corruption of the Damned drehen, und ich drehe ihn auf 16mm, weil ich ihn nicht auf 7mm drehen kann. Statt runter – bislang der übliche Gang der Dinge in meinem Leben lasterhafter Sinnesfreuden – gehe ich diesmal rauf. Ich habe gerne auf 8mm gedreht, und jetzt gerne auf 16mm, und würde man mir beide weggenehmen, würde ich gerne dahinvegetieren, weil ein Leben der Stagnation ein Leben der Krankheit ist, und nur durch Krankheit begreifen wir, was Kaputtheit ist.

(Übersetzung aus dem Amerikanischen: Florian Cramer)


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