Echo über das Filmfestival Weiterstadt

Echo über das Filmfestival Weiterstadt
Foto: Alexandra Welsch
Foto: Alexandra Welsch

Die südhessische Zeitung “Echo” berichtet ansprechend über das diesjährige Filmfest in Weiterstadt, und das gleich doppelt. Wurde im ersten Artikel noch von Aufbau und Organisation des ehrenamtlich getragenen Kult-Festivals geschrieben, geht es im zweiten Artikel um die Inhalte, insbesondere um Charme, Tücken und Wahrnehmung  der Super 8 Beiträge.

Wer wissen will, was gezeigt wurde und wer dieses Jahr den Weiterstädter Filmhirschen gewonnen hat, sollte sich den Artikel nicht entgehen lassen.

Mit der Bolex im Narrenturm

Mit der Bolex im Narrenturm

Das Wettbewerbsprogramm der 15. Schmalfilmtage in Dresden.
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Zum Abschluss der 15. Schmalfilmtage stand am vergangenen Samstagabend der Wettbewerb auf dem Programm.
Von 132 eingereichten Arbeiten wurden nach einer internen Vorauswahl durch das Festival-Team 13 Filme im Wettbewerbsprogramm gezeigt.
Einziger gemeinsamer Nenner dieser Filme war, daß alle im Original auf Schmalfilm, also auf 8mm (Super8) oder 16mm breitem Filmmaterial gedreht wurden. Die weitere Bearbeitung der Filme fand zum überwiegenden Teil nach Abtastung des Filmmaterials in digitaler Form statt.
So wurden lediglich zwei 16mm-Filme und ein Film im Super8-Format traditionell mit Filmprojektor vorgeführt. Alle anderen Filme wurden als digitale Datei über Beamer gezeigt.

Die Projektoren-Armada der Schmalfilmtage unter der historischen Dachkkonstruktion der Motorenhalle. Beim Wettbewerbsprogramm kamen die Gerätschaften leider kaum zum EInsatz.

Die Projektoren-Armada der Schmalfilmtage unter der historischen Dachkonstruktion der Motorenhalle.
Beim Wettbewerbsprogramm kamen die Gerätschaften leider kaum zum Einsatz.

Hintergrund, Entstehung und Anspruch der gezeigten Filme hätte nicht unterschiedlicher sein können.
Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Katrin Küchler -Festivalleitung Filmfest Dresden, Naren Wilks -Künstler und Filmemacher aus England (unmittelbar vor dem Wettbewerbsprogramm mit einer eigenen Werkschau vertreten) und Hannes Schönemann -Regisseur/Filmemacher aus der ehemaligen DDR, hatte so die schwierige Aufgabe Filme miteinander zu vergleichen, die letztlich nicht vergleichbar sind:
Von einer Profi-Produktion der HFF München über Musikvideos, Experimentalfilme, Found-Footage-Mash-Ups bis hin zu den Amateur-Schmalfilmen von David Pfluger und Dagie Brundert reichte das Spektrum der gezeigten Filme.

“The HandEye (Bone Ghosts)” von Anja Dornieden und Juan David Gonzales Monroy (was für ein Name für einen Filmemacher!) wurde von der Jury zum Gewinner des Wettbewerbs gekürt.
Eine bewusst mutige Entscheidung für einen Film, der konsequent analoge Filmtechnik und vor allem experimentelle Selbst-Entwicklungstechniken verwendet, um damit sein sperriges Thema zu gestalten.
Mit bei der späteren Filmentwicklung verfremdeten Aufnahmen von beklemmend-morbiden Artefakten aus drei Wiener Museen, darunter die pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm wird im wahrsten Sinne des Wortes der Geist einer spiritistischen Sitzung des Dichters Robert Musil mit Sigmund Freud Anfang des 20. Jahrhunderts beschworen.
Jegliche Foto- und Filmaufnahmen sind im Narrenturm verboten. Die Aufnahmen mit einer Bolex H16 wurden dort heimlich gemacht.
Dies wurde von den beiden persönlich anwesenden Filmemachern auf sehr angenehm zurückhaltende und bescheidene Weise anschaulich geschildert.
Auch die von ihnen bei der Selbstentwicklung des S/W-Filmmaterials eingesetzten Solarisations- und Negativ/Positiv-Techniken wurden von ihnen kurz angerissen.
Die Entwicklung des Filmmaterials wurde von den beiden Filmemachern im LaborBerlin ausgeführt, einem Filmkollektiv mit eigener Laborausstattung, dem sie seit 2010 angehören.
Der Preisträger-Film wurde selbstverständlich als 16mm-Filmprojektion mit Filmprojektor vorgeführt.

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Murphy’s Law ausgetrickst: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Murphy’s Law ausgetrickst: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Wieder gut besucht: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Wieder gut besucht: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Was schiefgehen konnte, ging schief bei der zehnten Ausgabe des 8mm-Filmfestivals im niederländischen Kampen. Erst fraß der Projektor einen Wettbewerbsfilm, dann fiel auch das Ersatzgerät aus – und die gesamte Freiluft-Vorführung ins Wasser eines plötzlich einsetzenden Dauerregens. Doch Organisatoren und Publikum ließen sich von nichts beirren, improvisierten Ersatz und feierten wieder ein Schmalfilm-Volksfest.

Glücklicherweise gab es noch einen dritten Projektor, glücklicherweise konnte man schnell vom Vorplatz in den Saal des Kulturzentrums ‘t Ukien umziehen, und glücklicherweise saß ein Filmrestaurateur im Publikum, der sich des geschredderten Kurzfilms “Vlucht” (“Flucht”) des Kampener Amateurfilmers Kazim Oçak annehmen wird – obwohl der Unfall ungeplant zu Titel und Thema des Films passte.

Bilder sagen mehr über das Festival und seine besondere Atmosphäre in der historischen Hanse-Kleinstadt Kampen als viele Worte, weshalb filmkorn.org mit der Videokamera dabei war:

(Wen die elektronische Bildaufzeichnung stört, sehe sich stattdessen unseren Super 8-Film des Festivals von 2011 an.)

Mit dreizehn Kurzfilmen lokaler, niederländischer und internationaler Super 8-Filmer plus dem traditionellen, vom Organisatorenteam selbst aufwändig gedrehten Super 8-Spielfilm hatte das Festival diesmal deutlich mehr zu bieten als im Jahr zuvor. Von einer Schmalfilm-Krise war zumindest hier nichts zu merken. Unter den Filmen fand sich wieder alles mögliche und denkbare, von gefilmten Kochanleitungen (“Koken met Leon” von Vorjahressieger Leon Harms), einer Rotkäppchen-Adaption (“Cappuccetto Rosso” von Bernhard André), existentialistischen Selbstreflexionen (“Donderdag” von Tobias Asser) bis hin zu spontanen Dreh- und Kameraexperimenten (“Gentlemen” von Sipke Mellema und “Ramblin’ On” von Geert Bloupot).

Neu im Angebot: 8mm-Popcorn

Neu im Angebot: 8mm-Popcorn

Drei Filme stachen künstlerisch heraus: “Les Vampires Font Leur Cinéma” (“Die Vampire machen Kino”) von Chloé Scalvino, “8-en/80” (“Acht-und-achtzig”) von Annemar van Ommen sowie “The Death of the Real” (“Der Tod des Wirklichen”) von Jolien Former. Chloé Scalvino, die in einem Pariser Kino arbeitet, drehte einen expressionistischen Schwarzweiss-Stummfilm über einen Vampir, der sich als Filmvorführer einstellen lässt, das Kinopublikum in seinesgleichen und einen Kinoabend in einen buchstäblichen Tanz der Vampire verwandelt. Der Film, ihr Erstling, wurde chronologisch in der Kamera gedreht und ungeschnitten aufgeführt, hätte aber ein paar Straffungen gut vertragen.

In “8-en/80” wurde eine achtzigjährige Frau gefragt, was sie heute als Achtjährige tun würde, und ein achtjähriger Junge, was er als Achtzigjähriger täte. Beide wurden unabhängig voneinander gefilmt, ihre Bilder und Aussagen gegeneinander montiert. Zu Recht gewann er den zweiten Preis des Festivals, der wie immer durch Publikumsabstimmung ermittelt wurde.

Conferencier Frank Huser

Conferencier Frank Huser

Der Hauptpreis des “vergeten lensdop” (“vergessenen Objektivdeckels”), diesmal ein Ölgemälde von Festival-Mitorganisator, Filmemacher und bildendem Künstler Martin-Jan van Santen, ging klar und verdient an Jolien Former, die damit das Festival zum dritten Mal gewann. Ihr diesjähriger Animationsfilm war von dem französischen Soziologen Jean Baudrillard beeinflusst, der schon in den 1980er Jahren das Verschwinden der Wirklichkeit durch massenmedial erzeugte Simulation, Ersatz- und Hyperrealität feststellte. Visuell beeindruckend und einfallsreich zeigte er den Zusammenbruch einer Welt und ihre Transformation in eine neue. Wie in ihren früheren Festivalfilmen näherte sich Former dabei dem Niveau von Animationsfilmkünstlern wie Jan Švankmajer und den Brüdern Quay.

Der Hauptpreis "vergeten lensdop" diesmal in Öl.

Der Hauptpreis “vergeten lensdop” diesmal in Öl.

Wie immer in Kampen, lief der populärste Film ausser Konkurrenz. Der knapp zwanzigminütige Super 8-Spielfilm des Festivalteams von Martin-Jan van Santen, Gertjan Prins, Gwen Mustamu, Roy Bergsma, Daan Jilesen, Frank Huser, Bas Nijhof und Marijke de Boer handelte von Leben und Werk des fiktiven Filmregisseurs Tony Bodd, der sich in seiner kurzen Karriere Schauspieler, Produzenten, Presse und Publikum zu Feinden gemacht hatte. In den fingierten Dokumentaraufnahmen und Filmausschnitten wurden Klischees des Autoren- und Experimentalkinos gekonnt auf die Schippe genommen. Das überdeutliche product placement für die lokalen Kampener Festival-Sponsoren sorgte, wie auch in den Jahren zuvor, für zusätzliche Lacher.

Eintritt frei - Spende willkommen.

Eintritt frei – Spenden willkommen.

Obwohl Murphy’s Law gnadenlos zugeschlagen hatte, entließ das diesjährige Kampener 8mm-Festival sein Publikum gut gelaunt und optimistischer als im Jahr zuvor. Damals gab’s ein arg geschrumpftes Filmprogramm und Fragezeichen hinter der Zukunft von ‘t Ukien. Diesmal jedoch bleibt für Kampen-Fans kein Zweifel, dass man sich jetzt schon ein Wochenende im August 2014 freihalten sollte.

Chicago 8-Festival: jetzt Filme einreichen!

Chicago 8-Festival: jetzt Filme einreichen!

Chicago 8-Festivalplakat

Chicago 8-Festivalplakat

Noch bis zum 15. September dieses Jahres können auf Super 8 oder Single 8 gedrehte Experimentalfilme für das dritte Chicago 8 Small Gauge Film Festival eingereicht werden, das vom 18.-20. Oktober stattfindet. In den beiden früheren Ausgaben waren dort mehr als 120 Filme von 85 Filmemachern aus den USA, Kanada, Argentinien, Taiwan, Japan, Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden zu sehen.

Beiträge müssen zur Sichtung erst auf DVD eingereicht werden, und wenn sie angenommen werden, auf Film. Mehr Informationen und das Einreichungsformular stehen auf chicago8fest.org.

Festival der Künstler-Filmlabore in Colorado

Festival der Künstler-Filmlabore in Colorado

Chromaflex, experimentelle Farbfilmentwicklung mit Richard Tuohy vom australischen Nanolab - und Mottobild des diesjährigen TIE in Colorado

Chromaflex, experimentelle Farbfilmentwicklung mit Richard Tuohy vom australischen Nanolab – und Mottobild des diesjährigen TIE in Colorado

Seit einigen Jahren boomen künstlerische Selbstmacher-Werkstätten für handentwickelten 8- und 16mm-Film. Die Website filmlabs.org verzeichnet 27 von ihnen auf der ganzen Welt, darunter im deutschsprachigen Raum das LaborBerlin, die filmkoop wien und die Hannoveraner Filmwerkstatt Sector 16.

Das renommierte Experimentalfilmfestival TIE im amerikanischen Colorado Springs widmet sich deshalb in diesem Jahr ausschließlich den “artist-run film labs” mit einem fünftägigen Programm. Filmvorführungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Installationen und Workshops sind geplant.

Die Festivalmacher schreiben (im Original auf Englisch):

Mit unseren künftigen Aktivitäten und Publikationen möchten wir die Wahrnehmung von Film als einer veralteten künstlerischen Darstellungsform anfechten und etwas dagegen tun, dass der Zugang zu etablierten Filmlabors und Techniken deswegen verloren geht. Doch statt diesen status quo zu beklagen, sieht das TIE eine große Chance für alle Betroffenen, sich die Mittel filmischer Produktion vollständig selbst anzueignen – und zwar auf eine nicht-elitäre und revolutionäre Weise. Um [den Experimentalfilmmacher] Nicolas Rey zu zitieren: ‘Jetzt, da die Filmindustrie Stück für Stück das Medium Film aufgibt, gehen die technische Ausrüstung, das Wissen und die Praktiken in Künstlerhände über’.

Filmemacher, die Filme in einer künstlerischen Filmwerkstätte produziert haben, können diese noch fürs TIE einreichen. Die Kontaktadresse hierfür lautet: film@experimentalcinema.org.