Von der Oberschichtseite.

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„Wittner hat mal wieder angezogen.“

Die tollen neuen Fuji-Materialien Velvia 100 und Astia 100 kosten jetzt also, genau wie der beliebte Velvia 50, stolze €29,90 pro Kassette. Die 30,5m DS8-Rolle Ektachrome 100D kostet nun auch 10€ mehr, ergo €79,50.

Was sagt die Kundschaft?

Sie spricht empört von Farbe, die jetzt für die schillernde Oberklasse reserviert sei. Material sei schlichtweg nicht mehr bezahlbar. Da wird das Hobby aufgegeben, Kameras werden in die Vitrine verbannt und Wittners Kasse machen moralisch mit Menschenhandel gleichgestellt. Es wird mehr gejammert und lamentiert, als es jede Mehrwertsteuererhöhung in diesem Land provozieren kann.

Klar, Preiserhöhungen sind immer unschön, gerade, wenn sich die Einkommen nicht entsprechend mitentwickeln. Nichtsdestotrotz sind derlei Einwände absurd: Analoges Filmen war und ist ein teures Hobby. Wer annimmt, es werde bei dem seit Jahrzehnten massiv schrumpfenden Markt zukünftig noch mal günstiger, der ist schlichtweg weltfremd oder naiv.

Man setze das mal in Bezug: Da kaufen Leute Kameras für €200,- oder €500,- als Schnäppchen, weil sie seinerzeit ja das zehnfache gekostet haben. Oft sind solche Käufe die dritte, fünfte oder auch zehnte Kamera in der heimischen Sammlung – auch ohne allfällige Wartung sind die ohne merkliches Zögern getätigten Hardware-Investitionen also erheblich.

Aber Film ist ja so teuer. Das mache ich nicht mehr mit.

Nehmen wir an, unser eifriger Kamerasammler verfilmt tatsächlich noch 180 Meter Super 8 Film im Jahr, also allmonatlich eine Kassette oder wöchentlich 45 Sekunden. Seine Materialkosten erhöhen sich durch „Wittners üble Abzocke“ beim Fuji-Material nun um üble €60,-! Wucher!

Für €60,- bekommt man nicht mal eine Tankfüllung oder vier Monate GEZ bezahlt und nur mit Mühe ein Familien-Abendessen beim Italiener um die Ecke (aber ohne Wein). Fast jede Nacht in einem Hotel ist teurer.

Man ist also nicht bereit, die jährlichen Mehrkosten durch Preiserhöhungen zu kompensieren. Was hat die letzte Kamera noch gleich gekostet? Wie viel wurde dieses Jahr schon bei Ebay gelassen? Und wie wäre es, statt 12 nun eben einfach 11 Kassetten im Jahr zu verdrehen? Spart ja auch gleich einmal Entwicklungskosten.

Wer sein Hobby wegen der derzeitigen Filmpreise tatsächlich aufgibt, hat entweder nie gefilmt oder tatsächlich schon länger das falsche Hobby.

Denn wer wirklich filmt, der kann auch wertschätzen, dass und v.a. welche Materialien da noch verfügbar sind. Es ist alles eine Frage der Prioritäten.

Do the Math.

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Friedemann Wachsmuth

Schmalfilmer, Dunkelkammerad, Selbermacher, Zerleger, Reparierer und guter Freund des Assistenten Zufalls. Nimmt sich immer viel zu viele Projekte vor.

16 Kommentare

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Olaf S8 Veröffentlicht am07:20 - 5. Juni 2013

Sehr einseitige Sichtweise und in keiner Weise vollständig beleuchtet. Selbst Wittner gibt dazu eine klarere Antwort: „Aber -da haben Sie vollkommen Recht- nicht jeder wird dies kaufen wollen oder können. Das muss der jeweilige Anwender bzw. die jeweilige Produktion entscheiden, ob ihnen ein bestimmter Look einen bestimmten Preis wert ist – oder eben nicht.“ Und bei mehr Filmverbrauch addieren sich die Mehrkosten gewaltig, da es ja auch nicht mehr die günstigen Staffelpreise oder Kombianationsagebote mit eingeschlossener Entwicklung gibt. Gut Reden haben auch die, welche sich noch mit günstigerem Material eingedeckt haben oder zu den ganz cleveren gehören, die sich Zugang zu allerlei alternativen Materialien verschaffen und damit recht günstig filmen und experimentieren und sogar noch selber entwickeln können. Aber das ist eine kleine Minderheit und kann nicht als Masstab herhalten. Die Oberschicht neigt eben auch stark zur Oberflächlichkeit …

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    Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am17:28 - 5. Juni 2013

    Klar, einseitig: Deshalb steht es auch unter „Meinung“.
    Und auch Wittner sagt nichts anderes: Man muss einfach Prioritäten setzen. Das tut jeder für sich — siehe Thorsten unten.

    Mit „Oberschicht“ hat das kein bisschen mehr zu tun, als das Filmen schon immer ein Luxus-Hobby war.

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Olaf S8 Veröffentlicht am10:25 - 5. Juni 2013

Zur Erinnerung: Vor 9 Monaten kostete eine S8 Kassette E100D mit Entwicklung im 5er Pack noch 26,90 € und dafür konnte noch jede Kassette einzeln eingesendet werden. Nun kostet der E100D mit Entwicklung stolze 47,80 € das sind fast 21.-€ mehr. Natürlich kann ich auch den etwas günstigeren Entwicklungspreis zu 14,95 € nehmen, habe dann allerdings den Nachteil, das ich alle 5 Filme auf einmal einsenden muss und der Preis von 42,85 € ist immer noch 15,95 € höher als vor 9 Monaten und das sind keine Peanuts mehr sondern extreme Mehrkosten ! – Die DS8 30,5m Spule E100D hatte vor 9 Monaten 50 € gekostet und nun 80 € – das ist ebenfalls eine gewaltige Preissteigerung und eine Realität an der es scheinbar nichts zu rütteln gibt aber das dann in einer so bagatellisierenden Weise darzustellen ist wirklich weltfremd und Schönfärberei …

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    Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am17:35 - 5. Juni 2013

    Kodak ist halt mittlerweile (quasi) pleite und Fuji extrem am Straucheln, wie die ganze japanische Wirtschaft. Film ist knapp, knappes wird teurer.

    Ich bagatellisiere auch nicht — ich sage nur, dass der echte Filmer an den Mehrkosten nicht scheitern sollte, solang er ein Vielfaches für Kameras und deren Wartung ausgibt.

    Wir werden bestimmt auch noch E100D für 39,90 erleben. Mindestens.

    Übrigens kosten 122m E100D in DS8 bei Kodak jetzt €202,03 zzgl. Mehrwertsteuer. Take it or leave it.

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Thorsten Veröffentlicht am13:36 - 5. Juni 2013

Was soll das ganze Theater. Der Velvia 50 (mein absoluter Favorit – als Dia und Super 8) war immer wesentlich teurer und visuell überlegender im Vergleich zum E100D.

Andec hat die Entwicklungspreise nicht (oder zumindest nicht merklich) angehoben, d.h. das ganze wird wieder etwas teurer, aber das wird jede Tankfüllung beim Auto auch. Ich gehe dennoch nicht mehr zu Fuß.

Alles in allem kostet also jeder Velvia ein paar Euro mehr. Das ist nicht schön, aber auch kein Weltuntergang. Es war immer schon etwas teurer einen ausgefallenen Geschmack zu haben. Ich freue mich, daß es Umkehrmaterial gibt und verwende es, solange es eben verfügbar ist.

Das Sujet lohnt jedes Material: Meine Tochter.

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Martin Rowek Veröffentlicht am22:12 - 5. Juni 2013

Genialer Artikel, dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Ich kann mir gerademal 6-8 S8-Kassetten im Jahr leisten. Wenn Film jetzt teurer wird, kaufe ich eben ggf. nur noch 5-7 Kassetten. Höher ist mein Bedarf ohnehin nicht.

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    Olaf S8 Veröffentlicht am08:51 - 6. Juni 2013

    Hallo Martin, bei 6-8 Kassetten hätte ich auch weniger Sorgen 😉

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      Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am17:29 - 6. Juni 2013

      Dann filme doch entsprechend weniger. 🙂
      Immer noch besser, als gar nichts mehr zu haben bzw. zu filmen, oder?

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Martin Rowek Veröffentlicht am14:55 - 6. Juni 2013

Die Jahre zuvor habe ich ca. 30 Kassetten E64T von Kodak gesponsort bekommen. Diesee gewaltige Masse musste ich erstmal verbrauchen und die Entwicklung musste ich ja noch selbst tragen, immerhin so teuer wie ein K40 Mitte der 90er.

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Rene Häberlein Veröffentlicht am23:08 - 6. Juni 2013

Hi Friedemann.
Bei Wittner ist es nur sehr merkwürdig ,das man die Filmpreise für DS8 nach meiner email an Wittner plötzlich erhöht hat. Ich hatte nämlich gefragt ,ob Preiserhöhungen vorher angekündigt werden könnten. Ausserdem hätte man die ganze Zeit unter Listenpreis von Kodak verkauft. Komisch bekundet man Interesse steigen ganz plötzlich die Preise.
Da muss ich ja meine letzten 3 DS8 Rollen aus USA wohl total unter Listenpreis trotz Zoll,Mwst und Versand bekommen haben.

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    Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am23:20 - 6. Juni 2013

    Kodak hat halt die Preise erhöht, und Wittner hatte noch Bestände (aus W100D-Zeiten, da gab’s noch eine Masterrolle) und konnte Mischkalkulieren. Das Erhöhungen kommen sagte man (zumindest mir) schon vor Monaten.
    Dazu kommt, dass die Nachfrage für DS8 bei Wittner wohl massiv hochging, weil man bei Kodak nicht mehr ordern kann und er eben „der letzte“ ist. Das er damit auch Geld verdienen will, kann man ihm nicht vorwerfen.

    30,5m DS8 hat die Fläche von ca. zehn 36er KB-Filmen. Macht z.Zt. entsprechend €7,90 pro Film. Guck mal, für was ein KB-Ektachrome 100 VS verkauft wird — meist mehr als 10€.
    Abfüllung, Spule und Weissblechdose kommen noch dazu.

    Wittner ist bestimmt nicht günstig, aber Schmalfilm war eben auch nie günstig und mit so rapide schrumpfendem Markt wird es eben nur noch teurer. Jeder muss für sich selbst die Prioritäten setzen und entscheiden, ob es einem den Spaß noch wert ist. Mir ist es, denn andere „Späße“ kosten erheblich viel mehr Geld. Siehe oben…

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Rene Häberlein Veröffentlicht am08:09 - 10. Juni 2013

Ich bleibe bei meiner Meinung ,das Wittner ein Monopolist ist und dadurch die Filmer vorsichtig ausgedrückt stark zu Kasse bittet. Würde es mehr Konkurrenz geben könnte sich Wittner solche Spielchen nicht leisten ,weil dann alle woanders kaufen würden. Im S/W Bereich gibt es ja glücklicherweise Alternativen. Übrigends kostet mich eine Tankfüllung max 30 Euro (Erdgas).
Na mal sehen ,wann und ob es bald Alternativen im Farbbereich zu Wittner geben wird.

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    Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am08:10 - 10. Juni 2013

    Das stimmt natürlich. Das Quasimonopol ist nicht gut für den Markt.

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Ulrich Veröffentlicht am22:25 - 10. Juni 2013

Es gibt leider keinen Markt mehr für schmale Umkehrfilme in Farbe und auch nicht wirklich in sw. Die Nachfrage reicht nicht für mehr als einen Anbieter, der sein Angebot auch noch selbst konfektionieren muss. Die europäische Schmalfilmwelt steht und fällt mit Wittner. Das kann man bedauern. Gleichzeitig müssen wir uns aber klar machen, dass es Umkehrfilme nur noch so lange geben wird, wie Wittner damit Gewinn machen kann. Wenn wir also weiter Umkehr filmen wollen, müssen wir Wittner gute Geschäfte wünschen …

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    Friedemann Wachsmuth Veröffentlicht am22:39 - 10. Juni 2013

    Das ist sehr wahr. Aber ich denke, Umkehrfilme wird es noch so lange geben, wie irgendwo da draußen noch entsprechendes Rohmaterial lagert. Und das werden bestimmt noch 10 Jahre sein… Bei steigenden Preisen.

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Micha Schroers Veröffentlicht am19:42 - 9. August 2013

Ich finde Friedemanns Sichtweise zutreffend und nachvollziehbar. Wer den Film liebt, der filmt auch jetzt noch; die höheren Preise sind natürlich kein Grund aufzuhören. Dann wird eben etwas weniger oder kürzer gefilmt. Das wirkt sich sicher nicht negativ auf die Filme aus . . .

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