16mm-Dreh im Dartmoor: „Die Farbe aus dem All“ nach H.P. Lovecraft

16mm-Dreh im Dartmoor: „Die Farbe aus dem All“ nach H.P. Lovecraft

16mm-Dreh im Dartmoor: „Die Farbe aus dem All“ nach H.P. Lovecraft

Alles begann vor ein paar Jahren, als Lomography seinen Farbnegativfilm LomoChrome Purple für 16mm-Kameras auf den Markt brachte. Überall im Netz tauchten ratlose Kommentare auf, was man denn mit diesem Material anstellen könne: „Wofür ist er denn gut? Pflanzen haben falsche Farben, Menschen sehen krank aus“, hieß es da. Es erinnerte mich spontan an eine alte Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft (1890–1937): THE COLOUR OUT OF SPACE (DIE FARBE AUS DEM ALL). Darin schlägt ein Meteorit ein und verseucht alles Leben. Pflanzen haben falsche Farben und Menschen werden wahnsinnig oder sterben. Die perfekte Handlung für einen Horrorfilm!

Da eine Reise nach Amerika nicht möglich war, musste ich nach Alternativen suchen. Wie passend, dass ich 2016 einen großen Sommerurlaub in Südengland geplant hatte. Ich suchte also nach Entsprechungen für die Originalschauplätze Neuenglands und fand sie im Dartmoor. Diesen rauhen Landstrich kennt der geneigte Leser vielleicht aus Arthur Conan Doyles DER HUND DER BASKERVILLES. Darin war der Boden verflucht, weil Sir Hugo Baskerville einst im Englischen Bürgerkrieg eine Frau zu Tode gehetzt hatte. „Die verfluchte Heide“, welche Lovecraft in THE COLOUR OUT OF SPACE so eindringlich beschreibt, wurde somit in meiner Vorstellung zum Dartmoor. 

Ich filmte alles mit meiner alten, aber erstaunlich kompakten und schnell einsatzbereiten Keystone A-9 Criterion-Filmkamera. Zwei Schneider-Objektive, das 25er und das 75er, waren perfekt auf die zwei möglichen Brennweiten im wunderbar hellen Sucher abgestimmt. Das 75er kam nur einmal zum Einsatz, als ich ein Wildpferd in der Ferne entdeckte. Es sprang so aufgeregt umher, dass es perfekt zum wildgewordenen Viehbestand aus Lovecrafts Geschichte passte. Ein großer Berg, der wie ein riesiger Meteoritenkrater aussah, wurde später im Beginn des Films eingebaut. 

Aber wo findet man einen Meteoriten? In Avebury! Nun ja, genau genommen keinen echten Meteoriten. Aber die dortigen neolithischen Steinkreise, welche an Stonehenge erinnern, ließen mich ständig daran denken. Eindrucksvoll stehen sie zu hunderten in der Landschaft herum, wie nicht von dieser Welt. Man sagt ihnen auch magische Kräfte nach, die man nicht erklären kann. Und als ob dort nicht genug Lovecraftsche Motive zu finden wären, gibt es da auch noch heilige Bäume mit riesigen, mysteriös verwundenen Wurzeln, die sich schier endlos erstrecken. Das reißende Wasser unter der alten Brücke aus dem 12. Jahrhundert in Postbridge, Devon, stellte das Wasser des Staudamms dar, welches das verseuchte Land in meinem Film am Ende unter sich begräbt. 

Der Schrecken in Lovecrafts Erzählungen wird vor allem durch viele Andeutungen erzeugt, ohne allzu konkret zu werden. Als Filmemacher habe ich visuelle Entsprechungen gesucht, die „Das Unheimliche“ im Freudschen Sinne erzeugen. Wie auch die hilflosen Protagonisten in der Kurzgeschichte, sollte sich der Zuschauer des Films ganz der Albtraumlogik der „Farbe aus dem All“ hingeben. Erst dann erlebt man ihren Schrecken und ihre Schönheit gleichermaßen.

Wieder zurück in Deutschland, stand nun die Entwicklung von 60m lilafarbenen Filmmaterials auf dem Programm. Da der Film keinen Remjet hat, der in Handentwicklung nur sehr aufwändig im Lomotank zu entfernen ist, konnte ich ihn bequem in C-41 entwickeln. Dafür wurde das Material, das ursprünglich als Kleinbildfilm konzipiert wurde, schließlich auch geschaffen. Nach dem Trocknen auf der selbstgebauten Trockenhilfe und einem Rohschnitt auf der Catozzo-Nassklebepresse, trat der Film seine Reise nach Madrid an. Ochoypico schuf einen wunderbaren 4K-Transfer, der auf großen Leinwänden seine Stärken so richtig ausspielen kann. 

Als der Schnitt in Final Cut beendet war, steuerte Uwe Rottluff aus Chemnitz die Musik bei, besser bekannt unter dem Künstlernamen „WellenVorm“. Die langsam anschwellende Melodie, erzeugt mit analogen Sythesizern und auf analogem Bandgerät abgemischt, ist ein perfekter Begleiter für die stimmungsvollen Filmbilder.

Seine Weltpremiere hatte der Film auf dem renommierten H.P. Lovecraft Filmfestival in Oregon, USA. Für eine Anreise wäre es zu kurzfristig geworden, aber dank Internet erreichten mich danach zahlreiche, positive Kommentare. Beim anschließenden Festival Signes de Nuit in Paris, gewann der Film sogar eine „Mention Spéciale“, eine besondere Erwähnung, in der er von der Jury als „visuelles Juwel“ beschrieben wurde. Für die Deutschlandpremiere reisten Uwe Rottluff und ich zum Internationalen Filmfestival Braunschweig. Dort wurden wir von Clemens Williges, einem der Organisatoren, auf das Herzlichste empfangen, betreut und interviewt. Während der Film auf den meisten Festivals als digitale DCP lief, zeigte ihn das Super-8-Festival in La Coruña, Spanien, sogar als 16mm-Filmkopie mit Lichtton. 

„Es war nur eine Farbe aus dem All“ heißt es am Ende der Geschichte. Aber für mich war es ein beglückendes Filmprojekt, auf das ich gerne zurückblicke.

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form zuerst in der Zeitschrift Cine 8–16, März 2018, S. 12–13.

Nähere Informationen auf Patrick Müllers Website www.patrickcinema.de

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