Auf dem Friedhof des Herzens: Verfilmung von H.P. Lovecrafts Gedicht „The Garden“ in Georgia

Auf dem Friedhof des Herzens: Verfilmung von H.P. Lovecrafts Gedicht „The Garden“ in Georgia

Seltsame Blüten, versunkene Pfade, déjà vus: Patrick Müllers Verfilmung des Gedichts The Garden ist eine Wanderung durch H.P. Lovecrafts ganz persönlichen Garten.

Ein Entstehungsbericht.

Seit meiner Jugend bin ich fasziniert von Louisiana-Moos, welches in den Südstaaten als „Spanish Moss die Bäume herabhängt. Wenn man es schüttelt, fallen Käfer heraus. Es erscheint mir wie der böse Fluch der Südstaaten. Zeitgleich sieht es wunderschön aus, als würde es still Trauer tragen. Vielleicht wegen der bewegten Geschichte? Man weiß es nicht. Als ich 2019 zu einer großen Reise quer durch die USA aufbrach, hatte ich endlich die Gelegenheit, das Moos zu filmen, welches ich auch aus den kurz vor der Reise gesehenen Horrorfilmen von Lucio Fulci kannte (L’aldilà oder Paura nella città dei morti viventi).

Die ganze Zeit schwirrten mir verschiedene Filmideen im Kopf – ein Lyriker in New Orleans hatte sogar für mich ein Gedicht über das Moos verfasst. Irgendwie musste ich bei der Reise durch den verwunschenen Süden aber auch immer an Lovecrafts Gedicht A Garden denken (auch bekannt als The Garden). Als wir im April in Savannah, Georgia, haltmachten, kam schlagartig eines zum anderen. Der Friedhof Bonaventure Cemetery am Wilmington River gelegen, erschien mir sofort als der geeignete Platz, um Lovecrafts intimes Seelengemälde zum verfilmen. Der Friedhof wurde kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg auf dem Gelände einer ehemaligen Plantage errichtet und gilt mit seinen uralten Gräbern als einer der schönsten der USA. Man sieht viele abgebrochene Säulen, die das vorzeitige Ende eines jungen, verheißungsvollen Lebens symbolisieren, rostige Tore, steinerne Engel und eine märchenhafte schaurig-schöne Kulisse moosbehangener, mächtiger Eichen.

Der 1890 in Providence geborene Howard Phillips Lovecraft war zeitlebens eine zerrissene Figur. Seine pathologischen Ängste vor dem Unbekannten in einer durch die Industrialisierung sich massiv verändernden USA kanalisierte er, der sich als „Mensch des 18. Jahrhunderts“ bezeichnete, in Schauergeschichten, Traumweltgeschichten und Mythosgeschichten. Hinzu kommen viele Gedichte, Essays und unzählige Briefe. Heute gilt er als der als der bedeutendste Autor phantastischer Horrorliteratur des 20. Jahrhunderts und hat mit dem von ihm erfundenen Cthulhu-Mythos zahlreiche Nachfolger beeinflusst.

Als Lovecraft das Gedicht The Garden im April 1917 schreibt, hatte er schon einige Schicksalsschläge hinter sich: nachdem er seinen Vater bereits im Alter von drei Jahren verloren hatte, war 1904 sein Großvater gestorben, wodurch die Familie alsbald in Armut geriet und er seine Schullaufbahn nicht beenden konnte. 1919 wird seine Mutter wegen psychischen Problemen sterben und die Ehe mit der sieben Jahre älteren Jüdin Sonia Greene im Jahre 1924 wird wegen finanzieller Schwierigkeiten auch auseinandergehen.

Im Gedicht wandelt er in einer schaurig-schönen Landschaft seines Ichs, die mich sehr an den Film Carnival of Souls von Herk Harvey aus dem Jahr 1962 erinnerte.

Gedreht habe ich auf Super-8-Ektachrome von Kodak, den ich auf meiner Reise in einem Fachgeschäft in San Francisco gekauft hatte. Die Kamera war eine Minolta 401XL, die bei offener Blende ein malerisches Bokeh zaubert, was etwa in einigen Einstellungen von Lilien im Film zu sehen ist. Obwohl ich ursprünglich ein Stativ mitgenommen hatte, fand ich die besten Motive, als ich mit mit der Kamera an einen Baum lehnte oder sie ganz auf die steinernen Gräber auf dem Boden stellte. Das Filmen war eine blutige Angelegenheit: bei meiner Reise durch die Südstaaten hatte ich nie so viele Mücken erlebt wie auf diesem Friedhof.

Erst nach dem Dreh bemerkte ich, dass einer von Fulcis berühmtesten Filmen, Paura nella città dei morti viventi, auch auf dem Bonaventure Cemetary gedreht wurde. Dort heißt er Dunwich Friedhof, was wiederum eine Anspielung den fiktionalen Ort Dunwich in Lovecrafts Novelle The Dunwich Horror von 1929 ist.

Interessant fand ich den jüdischen Teil des Friedhofes, dessen steinernes Eingangstor mit hebräischer Schrift auch in meinem Film zu sehen ist. Genauso filmte ich Engel und andere religiöse Symbole, die dem Text entgegengestellt werden. Lovecraft war zwar Atheist, im traumartigen Rahmen der inneren Selbstreflexion finden diese Bilder jedoch ihren Platz.

Als ich die drei Super-8-Kassetten verdreht hatte, wollte ich sie gleich in den USA entwickeln und digitalisieren lassen. Als wir in der Moby-Dick-Stadt New Bedford vorbeikamen, habe ich sie deshalb gleich persönlich bei Cinelab vorbeigebracht, die mich gleich sehr freundlich durch die Firma führten und mir ihre neue Entwicklungsmaschine für E6-Prozesse zeigten, die sie seit wenigen Wochen wieder in Betrieb genommen hatten.

Die intensive, ungewöhnliche Farbgebung ist einerseits zu einem kleinen Teil das Resultat von Cinelabs Xenia Scanner und andererseits hat das Bild der Minolta-Kamera generell eine bläuliche Färbung. Ich verwendete außerdem wegen der Sonne einen starken Graufilter. Mir gefiel die Farbigkeit auf Anhieb, weil sie mich an Zwei-Streifen-Technicolor erinnerte, wie ihn Lovecraft in den 20ern des 19. Jahrhunderts vielleicht selbst im Kino gesehen haben könnte.

Zwei Monate später kontaktierte ich den Musiker Wellenvorm im sächsischen Chemnitz, mit dem ich bereits zwei Jahre vorher erfolgreich an einem anderen Lovecraft-Film gearbeitet hatte: The Colour Out of Space. Für The Garden wollte diesmal Klänge, die wie aus dem Jenseits kommen. Die Musik sollte auch Lovecraft kränkelnde, zerrissene Persönlichkeit widerspiegeln. Wellenvorm setzte dafür erstmals ein Trautonium ein und komponierte extra dafür die Musik.

Das Trautonium wurde in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Trautwein entwickelt. Vor allem das Volkstrautonium war für die Hausmusik gedacht. Es wurden nur wenige Exemplare gebaut und dann war es auch schon wieder vorbei, als die Nazis die Macht ergriffen. Oskar Sala hatte dann ein Zweimanualiges, also ziemlich großes, genannt Mixturtrautonium, mit dem er Die Vögel vertont hat. Hitchcock war sogar selbst bei ihm in Berlin uns ließ es sich vorführen.

Als Sprecher konnte ich Bernhard Plank gewinnen, der Lovecrafts Text kongenial mit seiner sonoren Stimme eingesprochen hat. Bernhard ist wie ich begeisterter Schmalfilmer und ich kenne ihn von Treffen auf der Internationalen Filmbörse in Deidesheim. Das Titel- und Postermotiv hat der Künstler Björn Candidus aus Köln gezeichnet, der Lovecrafts Text in seine eigenen zeichnerischen Welten übersetzt. Zusammengefasst war The Garden der Film, bei dem ich am Stärksten mit den unterschiedlichsten Künstlern zusammengearbeitet habe.

Gleich nach der Fertigstellung begann die beglückende Reise zu Festivals. Im Oktober 2019 feierte The Garden seine Weltpremiere auf dem H.P. Lovecraft Film Festival in Portland, Oregon, bei dem auch der Regisseur Richard Stanley anwesend war und seinen neuen Film Color out of Space vorstellte. Nach einem Zwischenstop auf dem Kerry Film Festival in Irland hatte er seine deutsche Premiere auf dem 33. Internationalen Filmfestival Braunschweig. Als Bestandteil des Filmkonzertes Müller/Wellenvorm wurde er vor einem großen Publikum livevertont (Q&A). Nach einigen Festivals in den USA gewann er dann in Spanien auf dem Caligari. Festival Internacional de Cine de Terror den Preis für den Besten Experimentalfilm und lief daraufhin beim größten Poesiefilmfestival, dem 11. Zebra Poetry Film Festival in Berlin.

Auf dem 38. Festival Tous Courts in Aix-en-Provence erhielt er eine lobende Erwähnung: „THE GARDEN is a truly magnificent creation, given life thanks to Super 8’s incredible plasticity. Its almost square format, its shallow field, its fine granulation, the vibrations of a handheld camera, and its famous mini dust. In echo, a wonderful poem by Lovecraft, carried by a voice-over of great finesse and great depth and wrapped in bewitching musical layers. The images are not simple illustrations but rebounds, reminiscences that open onto a magical space. Between garden and cemetery, a delightfully romantic stroll, the dream of a lost heart.

Der Kurzfilm The Garden wurde als Bestandteil des Bonusmaterials von Richard Stanleys Film Color Out of Space (Die Farbe aus dem All) in Deutschland bei Koch Films und in Spanien beim Label À Contracorriente Films auf Blu-Ray veröffentlicht.

Mehr Informationen unter www.patrickcinema.de

1 Kommentar bisher

ratzmuckl
ratzmuckl Posted on 14:55 - 19. April 2021

Ein wundervoller Gedichtfilm, der es schafft, trotz Tageslicht und wunderschönen Farben eine unwirkliche und schaurige Stimmung aufkommen zu lassen. Die Bilder, die unheimliche Musik und der Gedichtetext bilden in meinen Augen eine Symbiose des wohligen Unbehagens. Ich bin stolz, dass ich dabei mitmachen durfte.

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