Archives April 2019

Der Mensch und das Meer: Baudelaireverfilmung in der Bretagne

Der Mensch und das Meer: Baudelaireverfilmung in der Bretagne

Seit meiner Kindheit fasziniert mich das Meer: Der weite Blick ins schier Unendliche, voller Spiegelungen, wild und voller Leben. Keine Menschenseele lässt es unberührt, jeder scheint darin auch einen Teil von sich zu erkennen. Herman Melville bot es die Bühne für wahnsinnig gewordene amerikanische Träume in Form eines Kapitän Ahab, Dichter wie Chateaubriand sahen darin ein „philosophisches Gemälde“. Von Letztgenanntem verfilmte ich 2010 das Gedicht „La Mer“ in der Bretagne, und verliebte mich zum ersten Mal in diese unwirkliche, wilde und scheinbar unberührte Natur, die man dort vorfindet. Acht Jahre später reiste ich ein zweites Mal dahin, diesmal in die südliche Gegend um Quiberon. Dort suchte ich nach einem neuen Filmstoff und wollte dabei zugleich neue Wege einschlagen. 

Meine Stimmung war jedoch sehr getrübt. Björn Last, ein befreundeter Filmemacher, war kurz vorher in jungen Jahren gestorben. Er war eine Art Mentor für mich, mit dem ich vor 15 Jahren das echte Kino entdeckte, vor allem das des alle Grenzen sprengenden Experimentalfilms. Seine eigenen, kraftvollen und unkonventionellen Kurz- und Langfilme waren für mich nichts weniger als das Leben und das Kino selbst. Als ich 2008 meine ersten filmischen Gehversuche wagte, ermutigte er mich massiv und zeigte und besprach Filme von mir in seiner Hamburger Fernsehsendung. Man kann sagen: Ohne seinen Mut, den er mir in einem Meer von Selbstzweifel immer wieder gemacht hatte, hätte ich wohl keine Filme gemacht. Als ich sah, dass er mir in einem seiner letzten Filme gedankt hatte, wollte ich dies, wenngleich posthum erwidern und für ihn einen kleinen Film drehen. Mit großer, handgeschriebener Widmung zu Beginn des Films, wie das der alte Jean-Marie Straub immer wieder getan hat. 

Bei der Recherche stieß ich auf Baudelaires Gedicht „L‘homme et la mer“ („Der Mensch und das Meer“). Für den Dichter wird das Meer darin zum Spiegel des Menschen und immer auch: seiner selbst. Diese Art der reflektierenden Naturpoesie war damals bahnbrechend: Bereits in „L‘Albatros“ zeigte er einen Vogel als König der Lüfte, der aber gefangen an Land im Alltag der Menschen flugunfähig und ihrem beißenden Spott ausgesetzt ist. Eindringlich erzählt er somit etwas über das Spannungsfeld des Künstlers zwischen Kunst und Broterwerb.

Wie üblich schrieb ich das Gedicht mit Tinte und Füller ab und rezitierte es immer wieder, bis ich es auswendig kannte. Das ist für mich wichtig, da man dann erst ein Gefühl für Rhythmus bekommt. Baudelaires Poesie gehört nicht von ungefähr zum Schönsten in der französischen Sprache: die Worte sind sehr musikalisch. Aber auch gibt er dem Geist Raum für unzählige Assoziationen, die später beim Filmen unerlässlich sind. Das kleine „Drehbuch“ versah ich mit zahlreichen Randbemerkungen, welche Schwenks, Übergänge, Kontraste oder ruhige Momente notwendig sind.

Nun ging es an die Dreharbeiten. Ich filmte mit der Logmar, jenem wagemutig konstruierten Super-8-Wunderwerk, das zwei dänische Erfinder vor ein paar Jahren in begrenzter Stückzahl als Beta-Version auf den Markt brachten. Kongenial lösten sie das Hauptproblem der bisherigen Super-8-Kameras: die fehlende Andruckplatte! Die Kamera leitete den Film mit einer Schlaufe aus der Kassette heraus und führte ihn in eine echte Andruckplatte, was bislang unerreichte Schärfe erlaubt.

Die Bretagne im Mai war wild und ungestüm wie immer und bot alle möglichen Wettersituationen: Schönster Sonnenschein konnte schon Minuten später in Blitz und Donner wechseln. Die Natur schien grenzenlos aufgeregt, endlich in meinem kleinen Film die Hauptrolle spielen zu können.


Ich suchte deshalb rauhe Gestade wie die Insel Belle-Île auf, auf der schon Claude Monet so von den Klippen fasziniert war, dass er viele Jahre dort verbrachte, um sie zu malen. Aber auch im Morbihan fand ich auf einer Austernfarm mysteriöse Reflexionen rostiger Gitter, die ich sehr mochte. Von 8 Bildern pro Sekunde bis 48 Bildern pro Sekunde fing ich so die einzelnen Szenen auf abgelaufenem, in Super 8 konfektioniertem Fuji Velvia der Marke Cinevia ein. Beim Drehen von Naturaufnahmen braucht man vor allem eins: Geduld! Am besten, man stellt die Kamera sicher auf, kadriert den Bildausschnitt und wartet. Am Anfang passiert meist nichts. Irgendwann beginnt aber alles zu leben: Wellen peitschen ungebremst, Vögel fliegen und die Sonne taucht Düsternis in magisches Licht. Ich mag diese Verwandlung sehr, Richard Wagner hätte sicher die eine oder andere, opernhafte „Verwandlungsmusik“ dazu ersonnen.

Mit vier randvollen Filmkassetten kehrte ich anschließend nach Hause zurück und ging an die Entwicklung des nun unschätzbar wertvollen, weil belichteten, Materials. Was folgte, ist für mich nahezu Alchemie. Wie Böttger damals Gold herstellen sollte, aber letztlich Porzellan erfand, gleicht es einem Wunder, wie man die dünne Silberschicht in Bilder umwandeln kann, die Jahrhunderte überdauern. Das Handwerkszeug dazu hatte ich bei der Berliner Filmkünstlerin Dagie Brundert gelernt, deren Begeisterung für den Film wie auch ihre ansteckende Lebensfreude grenzenlos ist.

Das Material auf der Trockenhilfe zu sehen, funkelnder, bunter Farbumkehrfilm, der wie hunderte kleine Edelsteine funkelt, macht glücklich. Für mich ist dieser Teil, wenn man das belichtete Material zum ersten Mal sieht, noch immer das Schönste am Filmemachen.

Ich erstellte mit CIR Catozzo-Klebepresse nun einen Rohschnitt, bei dem ca. 15% der Szenen der Schere zum Opfer fielen. Das ist ganz normal und ein gutes Drehverhältnis. Bei digitalen Produktionen fällt es hingegen meist viel schlechter aus, da keine Filmmaterialkosten zu Buche schlagen und man voller Eifer stundenlang filmt, was in der Postproduktion schnell zum Nachteil gereichen kann. 

Das Material gab ich dann zu meinem Freund José Luis Sanz nach Madrid, der fast alle meine Filme in die digitale Welt transferiert hat, diesmal wieder in 4K. Obwohl Super 8 eigentlich nicht genug Informationen für 4K-Auflösung besitzt, ist das in der Postproduktion dennoch sinnvoll, weil man so jedes Korn bewahrt und darstellen kann.

Da der ganze Film eine Herzensangelegenheit war, sprach ich den Text diesmal selbst ein. Die Montage erfolgte wie immer in Final Cut Pro X. Eine kleine Firma in Italien erstellte anschließend aus dem digitalen Intermediate einen 16mm Filmtransfer mit Lichtton. 

Anschließend trat der Film seine Reise zu den Filmfestivals an: beim New York International Films Infest Festival wurde er als Finalist in New York gezeigt, beim Artifact Small Format Film Festival in Kanada und den Dresdner Schmalfilmtagen lief er sogar als analoge Filmprojektion.

Simplified Color Processing Formulas

Simplified Color Processing Formulas

Die Photochemielegende Patrick D. Dignan hat 1978, also vor nunmehr 40 Jahren, eine hochinteressante Schrift mit dem Namen
„How to Compound… Simplified Color Processing Formulas“ herausgegeben.

Diese ist leider nur noch sehr schwer antiquarisch zu bekommen, und auch die Dignan-Familie hat keine weiteren Kopien.
Dunkelkamerad Adrian C. aus England war so nett und hat seine Kopie gescannt, Filmkorn stellt sie hier nun den interessierten Selbstverarbeitern zum Download als durchsuchbares PDF zur Verfügung!

Das Dokument ist hochinteressant. Es listet zwar nicht die exakten Rezepte der originalen Rezepturen, die wären aber auch schwer nachbraubar. Es bietet vielmehr eine Vielzahl vereinfachter und erprobter Alternativprozesse mit oft verblüffend guten (oder auch kaum zu unterscheidenden) Ergebnissen.

In der Sammlung zu finden sind Rezepte für Alternativen zu den Prozessen C-41, C-22, E-6, E-4, E3, Agfachrome und auch einigen Papierprozessen (inklusive Split-einem Entwickler für Cibachrome!).

Toller Lesestoff, und er sollte in keinem ambitionierten Labor fehlen. Hier kann man eine Menge lernen.

DigIt: Das Archiv des analogen Alltags

DigIt: Das Archiv des analogen Alltags

Digit ist ein Projekt des WDR, bei dem täglich neue Fotos und Filme aus dem Alltag der Vergangenheit einer Datenbank hinzugefügt werden. 

Digit soll verhindern, dass diese Bilder und Erinnerungen in Vergessenheit geraten. Stattdessen wollen wir mit Digit analoges Material in unser digitales Zeitalter hinüberretten. Digit steht dabei für digital, ist aber gleichzeitig eine Aufforderung. Denn „Dig it“ heißt im Englischen „Grab es aus“. Wie Schatzgräber sollen Sie also sichten und sortieren. Sie selbst können Ihr Material über einen Upload bei Digit der Allgemeinheit zugänglich machen oder es uns zur Digitalisierung zur Verfügung stellen.

Eine komplette Liste aller bereits von Digit digitalisierten Schmalfilme findet sich hier auf Vimeo. Macht Spaß, sich dort treiben zu lassen!

 

 

Magnetton-Randbespurungen in Perfektion

Magnetton-Randbespurungen in Perfektion

Alberto Vangelisti ist mehr als ein Tüftler — er ist offenbar ein begabter Ingenieur: So schaffte er etwas, an dem in den letzten Jahren die bewährtesten Maschinen versagten: Entwurf, Konstruktion, Bau und Betrieb einer Anlage, die jegliche Filmarten (auch Polyester) zuverlässig, präzise und ausgesprochen preiswert mit Magnettonspuren versehen kann.

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Cine Assist – ein erster Test

Schon seit einiger Zeit bietet Herr Bernhard Kipperer seinen „Cine Assist“ auf seiner Webseite http://cineassist.filmcurl.com/ zum Kauf an. Auf dieser Seite findet man auch zahlreiche Anwendungsbeispiele als Video. Was bislang fehlte, war ein unabhängiger „Test“ durch einen Nutzer. Und so wie es aussieht, darf ich den jetzt schreiben. Bislang habe ich zwar nur eine Funktion des „Cine Assist“ wirklich mit Film in der Kamera genutzt, aber immerhin besser als nichts…

Aber fangen wir doch mal ganz am Anfang an: Der „Cine Assist“ ist eine kleine Platine, die an den elektromagnetischen Fernauslöser der Kamera gehängt wird. Wichtig: Hat Ihre Kamera nur einen Anschluss für einen Drahtauslöser oder gar keinen Anschluss für einen Fernauslöser, dann können Sie das Gerät nicht nutzen. Bei besseren Kameras sollte jedoch ein entsprechender Anschluss vorhanden sein. Für einige Apparate brauchen Sie allerdings noch einen Adapter, z.B. für die Leicina Spezial.

Cine Assist (Mitte) mit USB-Connector (links) – die Batterie darf nicht eingelegt sein, während das Gerät am PC angeschlossen ist.

Die Platine lässt sich im einfachsten Fall per Batterie und über die zwei Knöpfe am Gerät betreiben. In dieser Variante kann man z.B. über den „Cine Assist“ der Kamera „befehlen“, automatisch erst in 10s auszulösen und sich nach 15s wieder auszustellen. Man kann sich so also problemlos auch mal selbst filmen. Falls Ihnen dieses Feature bekannt vorkommt: Einige Schmalfilmkameras hatten so etwas schon fest eingebaut, z.B. die Super8-Kamera „Minolta XL 401“. Und für Kameras mit einem Anschluss für elektromagnetischen Fernauslöser gab es einst kleine, batteriebetriebene „Selbstauslöser“ zu kaufen, z.B. den „Combi Timer“ von hama. Selbst für Kameras mit Drahtauslöseranschluss gab es so etwas – allerdings mit Federwerk, z.B. der „Selbstauslöser Z“ vom VEB Feingerätewerk Weimar oder der „Cinefix“ von Agfa-Gevaert.

Das Gerät lässt sich aber auch für Zeitrafferaufnahmen nutzen, da es auch als externe Zeitschaltuhr für Kameras mit Einzelbildaufnahme fungiert. Ja, auch das ist nicht neu, da es so etwas einst separat zu kaufen gab (z.B. als „Intervall-Timer“ von hama) oder da es in einigen Kameras bereits integriert war, z.B. in der Super8-Kamera Canon 814XL-S.

Was ist nun also neu, bzw. anders? Zum einen funktioniert der „Cine Assist“ quarzgenau, zum anderen ist er deutlich flexibler als die bisherigen Lösungen. Denn seine Fähigkeiten hängen hauptsächlich von der Firmware ab. Und in der neuesten Version ermöglicht diese sogar einen „Speed Ramp“, also eine Änderung der Bildfrequenz während der Aufnahme. Das war bis dato mit keiner Schmalfilmkamera möglich.

Und zum ganz anderen kann man den „Cine Assist“ auch bequem per Bluetooth steuern, jedenfalls sofern man (im Gegensatz zu mir) ein Android-Handy/-Tablet besitzt, das „Bluetooth Low Energy“ unterstützt. Die Software ermöglicht sogar eine parallele Tonaufnahme über das Mikrofon des Handys/Tablets.

Mit der entsprechenden Erweiterung kann man den „Cine Assist“ aber auch an den USB-Port eines Windows-PC anschließen. Mit der entsprechenden Software von Herrn Kipperer kann man so flimmerfrei Videos auf Film überspielen. Denn die Videos werden einzelbildweise wiedergegeben und von der Schmalfilmkamera als Einzelbilder aufgenommen.

Die Nutzeroberfläche der Windows-Software.

Das Überspielen auf Video ist bislang das einzige Feature, das ich mit Film in der Kamera benutzt habe. Ein Problem dabei sind mögliche Reflektionen auf dem Bildschirm. Denn nicht nur der „Cine Assist“ und seine USB-Erweiterung „blinken“, sondern z.T. auch die Kamera selbst, z.B. die „Aufnahmeleuchte“ an der Nizo 4056, die im Handbuch als „Aktionssignal“ betitelt wird. Auch Telefone etc. sollte man weiträumig entfernen.

Ein weiteres Problem ist der Windows-PC: Die Software deaktiviert weder die Energiesparmodi, die bei mir nach 10min den Bildschirm und nach 30min den ganzen Laptop ausgestellt hätten, noch bleibt das Bild sicher im Vordergrund. Damit also kein „es gibt neue Updates“-Fenster plötzlich die Aufnahme ruiniert, habe ich meinen Laptop sicherheitshalber vorher immer in den Flugmodus gestellt.

Wenn der Cine Assist am USB-Port angeschlossen ist, leuchten LEDs und das Display.

Als ein weiteres Problem hat sich die Batterie meiner Kamera, eine Nizo 4056, erwiesen: Wenn man die Kamera stundenlang aktiviert lässt und Einzelbilder aufnimmt, reicht mein Akku nicht für sieben Filmkassetten, sondern noch nicht einmal für eine…

Der Stromverbrauch meiner Nizo 4056 ist bei der Einzelbildaufnahme deutlich höher. Ich empfehle daher den Einsatz eines Netzteils, wenn man eine ganze Kassette belichten will.

Ein weiteres Problem entstand ebenfalls durch meine Kamera: Bei Einzelbildaufnahmen muss der Auslöser mindestens eine halbe Sekunde lang „gedrückt“ werden. Andernfalls blinkt zwar das rote Aufnahmelämpchen, aber es findet keine Belichtung statt! Zum Glück hatte Herr Kipperer schon eine neue Version der Software fertig, bei der man unter „Expose“ die Auslösedauer einstellen kann – bei meiner Nizo 4056 stelle ich hier sicherheitshalber 1s ein.

Die Nizo 4056 bietet einige Einstellmöglichkeiten für die Einzelbildbelichtung an. Am Wichtigsten ist aber der Hinweis mit dem Minimum von einer halben Sekunde.

Ich habe die Kamera zum Überspielen übrigens auf manuelle Belichtung umgestellt, da die Videos einige dunklere Szenen enthielten, die auch dunkel bleiben sollen. Zudem kann man bei der Nizo 4056 über die „Bilder pro Sekunde“-Einstellung die Belichtungsdauer der Einzelbildaufnahmen regulieren. Hier stellte ich die Kamera auf 16 2/3 Bilder pro Sekunde, was am besten zu den Helligkeitseinstellungen und zur Filmempfindlichkeit passte. (Wenn der Auslöser sowieso für eine ganze Sekunde lang betätigt wird, kann man ja ruhig auch mal etwas länger belichten, oder?)

Tja, was gibt es sonst noch zu sagen?

  • Ich habe den „Cine Assist“ auch an anderen Kameras als der Nizo 4056 getestet, allerdings aus Kostengründen bislang immer ohne Film. Er funktionierte überall problemlos, selbst an meiner Fujica P2, bei der der elektromagnetische Fernauslöser nachträglich eingebaut wurde.
  • Ich nutze ein ca. 1,5m langes USB-Kabel, da sich meine Nizo 4056 erst ab 1m scharf stellen lässt.
  • Leider wird das Gerät ohne Gehäuse geliefert.
  • Ein Schwachpunkt des Geräts könnte der USB-Anschluss sein. Er wirkt zwar sehr stabil, aber ist er auch auf Dauer haltbar genug für Grobmotoriker wie mich?
  • Herr Kipperer antwortet extrem schnell auf eMails mit Fragen und hat seit dem Kauf schon einige neuere Firmware- und Windows-Software-Updates geliefert.

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