Murphy’s Law ausgetrickst: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Murphy’s Law ausgetrickst: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Murphy’s Law ausgetrickst: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013
Wieder gut besucht: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Wieder gut besucht: Das 8mm-Filmfestival Kampen 2013

Was schiefgehen konnte, ging schief bei der zehnten Ausgabe des 8mm-Filmfestivals im niederländischen Kampen. Erst fraß der Projektor einen Wettbewerbsfilm, dann fiel auch das Ersatzgerät aus – und die gesamte Freiluft-Vorführung ins Wasser eines plötzlich einsetzenden Dauerregens. Doch Organisatoren und Publikum ließen sich von nichts beirren, improvisierten Ersatz und feierten wieder ein Schmalfilm-Volksfest.

Glücklicherweise gab es noch einen dritten Projektor, glücklicherweise konnte man schnell vom Vorplatz in den Saal des Kulturzentrums ‚t Ukien umziehen, und glücklicherweise saß ein Filmrestaurateur im Publikum, der sich des geschredderten Kurzfilms „Vlucht“ („Flucht“) des Kampener Amateurfilmers Kazim Oçak annehmen wird – obwohl der Unfall ungeplant zu Titel und Thema des Films passte.

Bilder sagen mehr über das Festival und seine besondere Atmosphäre in der historischen Hanse-Kleinstadt Kampen als viele Worte, weshalb filmkorn.org mit der Videokamera dabei war:

(Wen die elektronische Bildaufzeichnung stört, sehe sich stattdessen unseren Super 8-Film des Festivals von 2011 an.)

Mit dreizehn Kurzfilmen lokaler, niederländischer und internationaler Super 8-Filmer plus dem traditionellen, vom Organisatorenteam selbst aufwändig gedrehten Super 8-Spielfilm hatte das Festival diesmal deutlich mehr zu bieten als im Jahr zuvor. Von einer Schmalfilm-Krise war zumindest hier nichts zu merken. Unter den Filmen fand sich wieder alles mögliche und denkbare, von gefilmten Kochanleitungen („Koken met Leon“ von Vorjahressieger Leon Harms), einer Rotkäppchen-Adaption („Cappuccetto Rosso“ von Bernhard André), existentialistischen Selbstreflexionen („Donderdag“ von Tobias Asser) bis hin zu spontanen Dreh- und Kameraexperimenten („Gentlemen“ von Sipke Mellema und „Ramblin‘ On“ von Geert Bloupot).

Neu im Angebot: 8mm-Popcorn

Neu im Angebot: 8mm-Popcorn

Drei Filme stachen künstlerisch heraus: „Les Vampires Font Leur Cinéma“ („Die Vampire machen Kino“) von Chloé Scalvino, „8-en/80“ („Acht-und-achtzig“) von Annemar van Ommen sowie „The Death of the Real“ („Der Tod des Wirklichen“) von Jolien Former. Chloé Scalvino, die in einem Pariser Kino arbeitet, drehte einen expressionistischen Schwarzweiss-Stummfilm über einen Vampir, der sich als Filmvorführer einstellen lässt, das Kinopublikum in seinesgleichen und einen Kinoabend in einen buchstäblichen Tanz der Vampire verwandelt. Der Film, ihr Erstling, wurde chronologisch in der Kamera gedreht und ungeschnitten aufgeführt, hätte aber ein paar Straffungen gut vertragen.

In „8-en/80“ wurde eine achtzigjährige Frau gefragt, was sie heute als Achtjährige tun würde, und ein achtjähriger Junge, was er als Achtzigjähriger täte. Beide wurden unabhängig voneinander gefilmt, ihre Bilder und Aussagen gegeneinander montiert. Zu Recht gewann er den zweiten Preis des Festivals, der wie immer durch Publikumsabstimmung ermittelt wurde.

Conferencier Frank Huser

Conferencier Frank Huser

Der Hauptpreis des „vergeten lensdop“ („vergessenen Objektivdeckels“), diesmal ein Ölgemälde von Festival-Mitorganisator, Filmemacher und bildendem Künstler Martin-Jan van Santen, ging klar und verdient an Jolien Former, die damit das Festival zum dritten Mal gewann. Ihr diesjähriger Animationsfilm war von dem französischen Soziologen Jean Baudrillard beeinflusst, der schon in den 1980er Jahren das Verschwinden der Wirklichkeit durch massenmedial erzeugte Simulation, Ersatz- und Hyperrealität feststellte. Visuell beeindruckend und einfallsreich zeigte er den Zusammenbruch einer Welt und ihre Transformation in eine neue. Wie in ihren früheren Festivalfilmen näherte sich Former dabei dem Niveau von Animationsfilmkünstlern wie Jan Švankmajer und den Brüdern Quay.

Der Hauptpreis "vergeten lensdop" diesmal in Öl.

Der Hauptpreis „vergeten lensdop“ diesmal in Öl.

Wie immer in Kampen, lief der populärste Film ausser Konkurrenz. Der knapp zwanzigminütige Super 8-Spielfilm des Festivalteams von Martin-Jan van Santen, Gertjan Prins, Gwen Mustamu, Roy Bergsma, Daan Jilesen, Frank Huser, Bas Nijhof und Marijke de Boer handelte von Leben und Werk des fiktiven Filmregisseurs Tony Bodd, der sich in seiner kurzen Karriere Schauspieler, Produzenten, Presse und Publikum zu Feinden gemacht hatte. In den fingierten Dokumentaraufnahmen und Filmausschnitten wurden Klischees des Autoren- und Experimentalkinos gekonnt auf die Schippe genommen. Das überdeutliche product placement für die lokalen Kampener Festival-Sponsoren sorgte, wie auch in den Jahren zuvor, für zusätzliche Lacher.

Eintritt frei - Spende willkommen.

Eintritt frei – Spenden willkommen.

Obwohl Murphy’s Law gnadenlos zugeschlagen hatte, entließ das diesjährige Kampener 8mm-Festival sein Publikum gut gelaunt und optimistischer als im Jahr zuvor. Damals gab’s ein arg geschrumpftes Filmprogramm und Fragezeichen hinter der Zukunft von ‚t Ukien. Diesmal jedoch bleibt für Kampen-Fans kein Zweifel, dass man sich jetzt schon ein Wochenende im August 2014 freihalten sollte.

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