Gefilterte Super8-Kameras

Gefilterte Super8-Kameras

Fast alle Super8-Kameras haben einen integrierten Filter, während fast alle Doppel8-/Single8-/DS8-/9,5mm-/16mm-Kameras keinen haben. Aber warum ist das so?

Die kurze Antwort lautet: „Weil Kodak das so wollte.“ Denn Kodak ging davon aus, daß die meisten Käufer von Super8-Kameras mit Farbfilmen arbeiten wollen, aber zu … hhhmmm… „unerfahren“ seien, selbst einen Filter an die Kamera zu schrauben oder selbst für die richtige Wahl des Filmmaterials zu sorgen. Also lautete die Entscheidung, nur eine Materialart zu liefern und den passenden Filter gleich in die Kamera einzubauen.

Für die lange Antwort müssen wir einmal einen Blick auf die Aufgabe des Filters werfen: Der Filter ist bei Kodak ein „Wratten 85“, bei den anderen Kameraherstellern ein dazu äquivalenter. Die Aufgabe des „Wratten 85“ ist es, bei Tageslicht (Sonnenlicht) das Filmen mit einem Farbfilm zu ermöglichen, der auf Kunstlicht ausgelegt ist. Alles klar? Nein? Dann werfen wir einmal einen Blick auf die Farbfilme. Hier gibt es drei verschiedene Arten:

  1. Farbfilme, die auf Tageslicht ausgelegt sind:
    • Nutzt man sie bei Tageslicht, braucht man keinen Filter.
    • Nutzt man sie ungefiltert bei Kunstlicht, würde das Bild zu orangestichig werden. Abhilfe schafft hier ein blauer Filter, der bei Kodak „Wratten 80A“ heißt. Der „Wratten 80A“ schluckt bei den meisten Herstellern zwei ganze Blenden.
  2. Farbfilme, die auf Kunstlicht ausgelegt sind:
    • Nutzt man sie bei Kunstlicht, braucht man keinen Filter.
    • Nutzt man sie ungefiltert bei Tageslicht, würde das Bild zu bläulich werden. Abhilfe schafft hier ein oranger Filter, der bei Kodak „Wratten 85“ heißt. Der „Wratten 85“ schluckt bei den meisten Herstellern 2/3 Blenden.
  3. Farbfilme, die auf jede Art von Licht ausgelegt sind und die deshalb nie gefiltert werden müssen. Der einzige Film dieser Gattung war bislang der Kodak Ektachrome 160G, der seit Jahrzehnten nicht mehr hergestellt wird und der nicht im Standard-E6-Prozeß zu entwickeln ist. Zudem hatte der Ektachrome 160G bei jedem Licht leicht merkwürdige Farben, so daß er schnell wieder aus dem Sortiment verschwand.

Als Kodak das Super8-System entwarf, gab es die dritte Kategorie noch nicht. Zudem brauchten die damaligen Farbfilme noch sehr viel Licht und lagen bei der Filmempfindlichkeit nur so im Bereich von 16 bis 50ASA. Also fiel Kodaks Wahl auf Kunstlichtfilme als Standard und damit auf den Einbau eines „Wratten 85“. Denn bei Kunstlicht hat man meistens nur sehr wenig Licht, so daß man nicht auch noch einige Blenden durch irgendwelche Filter verlieren wollte. Zudem schluckt ein „Wratten 85“ weniger Licht als der „Wratten 80A“, so daß er im Anwendungsfall weniger „stört“. Und so hatte Kodak ein System geschaffen, bei dem der Kunde beim „Wechsel der Lichtquelle“ nicht mehr den Film wechseln oder Filter anschrauben, sondern nur noch einen Schalter umlegen mußte. Und um den Kunden ja nicht zu verwirren, war der Schalter auf den meisten Kameras nicht als „Filter aktiviert/deaktiviert“ markiert, sondern als „Glühbirne“ (Filter ausgeschwenkt) und „Sonne“ (Filter eingeschwenkt). Was früher eine tolle Hilfe war, verwirrt heute leider etwas, da es mittlerweile praktisch nur noch Tageslichtfilme zu kaufen gibt. Und das bedeutet, daß hier der Filter immer ausgeschwenkt bleiben, der Schalter also immer auf „Glühbirne“ stehen muß. „Natürlich“ hatte Kodak diesen Fall auch bedacht und für Super8-Kameras zwingend einen Mechanismus vorgesehen, der eine versehentliche Nutzung des Filters bei Tageslichtfilmen verhindern soll. Aber leider schaffte er es nicht in alle Kameras, z.B. nicht in die Eumig Mini 5. Zudem verhindert er bei vielen S/W-Filmen den absichtlichen Mißbrauch des „Wratten 85“ als Orangefilter. Wäre Kodak „besser“ gewesen, hätten sie den Super8-Kameras außer dem „Wratten 85“ für die Kunstlichtfilme auch noch einen „Wratten 80A“ für die Tageslichtfilme spendiert. Aber das wäre für den Kunden zu kompliziert und vielleicht auch zu teuer geworden. Zudem stellten damals Kodaks Konkurrenten zumeist Tageslichtfilme her. Die Wahl von Kunstlichtfilmen als neuen Standard verhalf Kodak somit zu einem kleinen Vorteil, da Kodak von seiner Wahl natürlich eher wußte als der Rest der Welt.

Beispielbilder zur Wirkungsweise der Filter findet man bei den Filterherstellern, z.B.

Da die Bilder „urheberrechtlich geschützt“ sind, können wir sie hier leider nicht direkt in den Artikel einbauen.

Jörg Polzfuß

1 Kommentar bisher

Patrick Müller Veröffentlicht am4:59 pm - Jul 6, 2016

Schöner Artikel! Erst kürzlich habe ich auch zum ersten Mal mit einem Kunstlichtfilm (Ektachrome 64t) gedreht und mir dazu einen Wrattenfilter bestellt, den ich auf das Schneider-Optivaron geschraubt habe. Denn die Logmar hat keinen ausschwenkbaren Filter. Vom Ergebnis war ich sehr angetan.

Wenn ich auf Negativfilm drehe, lasse ich hingegen meist den Filter weg. Den Farbstich kann ich problemlos in der Nachbearbeitung korrigieren und habe ein paar Blenden Helligkeitsgewinn.

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