Abgedreht: Mit der Logmar im Wald

Abgedreht: Mit der Logmar im Wald

Abgedreht: Mit der Logmar im Wald

Tief im Wald meiner Heimatstadt Frankenberg verborgen, befindet sich ein altes Kriegerdenkmal. Ein unheimliches Gesicht aus Stein mahnt darauf nachfolgende Generationen, das Unheil des Ersten Weltkrieges nicht zu vergessen – Verständigung statt Zwietracht zu üben.

Promt fiel mir ein Gedicht dazu ein: An die Nationen, 1880 von Robert Hamerling für die Sammlung „Blätter im Winde“ geschrieben. Eindringlich blickt er darin in die Menschheitsgeschichte zurück und mahnt zu Frieden und Verständigung. Einst einer der meistgelesensten deutschsprachigen Dichter, ist Hamerling heute wie das Denkmal fast vergessen. Natur und Poesie sind in seinem Werk der Schlüssel für eine bessere Welt. Poesie kann man schreiben – oder in 24 Bildern pro Sekunde verfilmen. Ich mache seit Jahren Gedichtfilme und interessiere mich dabei für Texte, die man mit intensiven Bildern in Beziehung setzen kann.

Also startete ich mein Filmprojekt: An einem Sonntagvormittag ging ich mit Stativ, Kamera und Tascam-Fieldrecorder zum alten Denkmal im Wald. Als Filmmaterial kam dabei eine Rolle Kodak Ektachrome 64t zum Einsatz, die mir Filmfreund Martin Rowek im letzten Jahr geschenkt hatte. Ich montierte das Schneider-Optivaron an die Logmar-Schmalfilmkamera und vergaß nicht, den orangefarbenen Wrattenfilter davor zu schrauben. Somit konnte ich mit dem Kunstlichtfilm auch bei Tageslicht filmen. Lediglich vier präzise komponierte Einstellungen wurden gefilmt, bei denen ich im Vorfeld die Länge berechnet habe, um mit einer Kassette auszukommen.

4K-Filmtransfer (Klicken zum Vergrößern)
4K-Filmtransfer (Klicken zum Vergrößern) 4K-Filmtransfer (Klicken zum Vergrößern)

Das Schönste beim Filmen sind aber immer die Überraschungen: Als ob die Natur mitspielen wollte, funkelte Licht auf dem Denkmal. Zweige und Blätter bewegten sich im Wind, und Käfer liefen über die Nahaufnahme des steinernen Gesichtes. Wenn man genau hinschaute, wurden die scheinbar statischen Einstellungen somit von Leben erfüllt. Ähnlich wie ein Gedicht, dessen Inhalt so konzentriert ist, dass man es mehrmals lesen muss, lohnt es sich durchaus, auch einen Film mehrmals zu sehen.

Anschließend begab ich mich nach München, wo sich freundlicherweise Klaus-Rüdiger Utschick bereit erklärt hatte, den Gedichttext einzulesen. Utschick leitet dort den Anacreon-Verlag, in dem er seine deutsche Übersetzungen schwedischer Lyrik publiziert. Bereits bei meinem Kurzfilm I Ungdomen/In der Jugend hatte ich mit ihm bei den Tonaufnahmen zusammengearbeitet. Doch nicht nur wegen seiner sonoren, schönen Stimme fand ich ihn geeignet. Da er sich sein ganzes Leben zudem auch friedenspolitisch und für den Schutz der Umwelt engagiert hat, waren ihm Hamerlings immer noch gültige Mahnungen keineswegs fremd.

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Fomapan-Filmmaterial im Bleichbad

Den richtigen Rahmen gaben dann die Texttafeln, die ich zuerst in Paul Renners Futura-Schriftart am Rechner erstellt und anschließend mit Graukarte auf Fomapan-R100-Material abgefilmt habe.
Das Farbmaterial des Films und die schwarzweißen Titel entwickelte ich anschließend in meiner Dunkelkammer mittels Lomo-Dose selbst. Denn das Gefühl, das bunt funkelnde Material am Ende zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, ist für mich jedes Mal wie Weihnachten und Silvester zusammen.

In den letzten Jahren habe ich mein Super-8-Material nahezu immer bei Ocho y pico in Spanien abtasten lassen, weil ich mit Qualität und Schärfe zufrieden bin. Seit kurzem bieten sie auch Scans in 4K-Qualität an, was ich bei der Gelegenheit gleich mal testen wollte. Der Vorteil von 4K ist eine bessere Komprimierung und eine bessere Darstellung des Filmkorns, welches den Szenen einen besonderen, fast magischen Reiz verleiht. Außerdem gibt es viel Platz für das Scannen des ganzen Bildfensters, wodurch eine etwaige nachträgliche, digitale Stabilisierung erleichtert wird. Diesmal waren allerdings die 4K-Scans so stabil wie selten. José Luis von Ocho y Pico hat sein neues System offenbar ganz nach der SMPTE-Norm kalibriert, wodurch man einen Scan bekommt, der genauso stabil ist, wie die Projektion. Ich war schlichtweg begeistert, was hier aus dem körnigen, 8mm breiten Filmstreifen herausgeholt wurde.

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Ektachrome 64t-Material auf der selbstgebauten Trockentrommel http://www.filmkorn.org/trockentrommel-fur-16mm-filme-bis-61m/

Waren für den Rohschnitt noch Filmbetrachter und Klebepresse zum Einsatz gekommen, verwendete ich bei der digitalen Nachbearbeitung Final Cut Pro X und exportierte es im richtigen Bildformat auf die Videoplattform Vimeo. Man kann sich dort den Film im Originalformat herunterladen oder in 4K ansehen, was eine bestmögliche Darstellung ermöglicht.

Und damit man den Film auch außerhalb Deutschlands sehen kann, hat Tobias Fürschke, der eine Sprachschule in unserem Ort betreibt, den Text kongenial ins Englische erstübersetzt.

Ein kleines aber feines Filmprojekt neigte sich nun seinem Ende zu. Doch wie immer ist das Ende des letzten Filmes immer auch der Anfang zu etwas Neuem. Mein nächster Film wird ein Whitman-Projekt, bei dem wieder eine LomoKino-Kamera zum Einsatz kommt. Zurück zum Anfang gewissermaßen, brachte mich doch diese reizvolle Kurbelkamera damals erst zum Schmalfilm.

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