Über die Entstehung meines Films „Am Zeppelinfeld“

Über die Entstehung meines Films „Am Zeppelinfeld“

Über die Entstehung meines Films „Am Zeppelinfeld“

Weihnachten 2016 bekam ich im Rahmen der „Schmalfilmwichtelei“ im Schmalfilm-Internetforum eine Super-8-Kassette ohne Label aber dafür mit Belichtungshinweisen und einschliesslich Do-It-Yourself-Entwicklung vom Mitforenten Sandro Proske geschenkt.

Wie ich später erfuhr, handelte es sich dabei um eine Kassette Revuechrome RCH von Foto Quelle;
der Film wurde in den 70er Jahren von 3M in Italien mit Polyester als Trägermaterial hergestellt.

Einige Monate später, im März 2017 hatte ich während eines Termins in Nürnberg in der Nähe des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes ein freies Zeitfenster von etwa 2 Stunden, welches ich für Filmaufnahmen auf der Zeppelintribüne genutzt habe. Der sonnige Winternachmittag war hell genug für die etwa 12 ASA Restempfindlichkeit des vor ca. 40 Jahren abgelaufenen RCH, von dem ich mir den für dieses Motiv passenden „Look“ versprach.

Als Kamera verwendete ich an diesem Nachmittag eine russische Lomo 218. Diese Ostblock-Plaste-Kamera läuft nur mit 18 B/sec. und hat lediglich eine 15mm Festbrennweite mit Fixfocus eingebaut.
Im Unterschied zu vielen ansonsten viel hochwertigeren Westprodukten bietet die Lomo aber die Möglichkeit Filmempfindlichkeit und Blende von Hand einzustellen – ideal also für empfindlichkeits-reduziertes Altmaterial.
Meine Lomo hat darüberhinaus starke Bildstandsprobleme vor allem am Anfang und Ende der Filmkassetten – dieses Manko wollte ich ebenfalls für den besonderen Look der Aufnahmen nutzen.

Die Entwicklung des Films – nach altem Orwo Prozess C9165- wurde von Sandro sehr schnell durchgeführt; schon nach wenigen Tagen erhielt ich den entwickelten Film von ihm zurück.

Die Aufnahmen entsprachen genau dem, was ich mir vorgestellt hatte und waren es wert, aus ihnen einen Film zu montieren!

Einzelbilder aus dem entwickelten Filmstreifen

Der Schnitt erfolgte auf klassische Art und Weise mit Filmbetrachter, Schere und Klebepresse. Da es sich bei dem Filmmaterial um Polyester handelt konnte nur trocken mit Klebestreifen geklebt werden. Aufgrund der sehr blassen und zarten Zeichnung der Aufnahmen war es sehr schwierig, ja nahezu unmöglich, die einzelnen Filmbilder auf dem Filmbetrachter zu erkennen. Um bildgenau schneiden zu können, musste ich zusätzlich eine Vergrößerungslupe benutzen, mit der ich den Filmstreifen auf einem Leuchtpult betrachtete.

Ein Film benötigt natürlich auch Titel. Da es mir immer wichtig ist, ein projezierbares Filmoriginal zu erhalten, mussten diese Titel natürlich gefilmt werden – möglichst passend auf gleichem Filmmaterial. Es waren 3 weitere Kassetten RCH erforderlich, um die Titel zu filmen. Die beiden ersten Kassetten zeigten nach der Entwicklung nur Blankfilm – ein Ergebnis, mit dem man bei der Verwendung von abgelaufenem Altmaterial leider immer rechnen muss.
Gefilmt wurden die Titel bei Sonnenschein im Freien.
Bis die Titel „im Kasten“ waren verging so der halbe Sommer…in der Zwischenzeit erfolgte die Montage des Films.

Titel-Arbeiten auf der Terrasse

Für die Entwicklung der dritten und letzten Kassette stand mir dann nur noch ein ebenfalls schon lange abgelaufenes original Orwo-Chemieset für 0,5 Liter Chemie-Ansatz zur Verfügung. Diese 0,5 Liter sind eigentlich viel zu wenig für die Entwicklung eines Super8-Films im Lomo-Tank und dies zeigt sich durch ungleichmässige „zu dunkle“ Entwicklung auf der rechten Titelseite.

Nachdem ich die Titel in das Filmoriginal eingefügt hatte, lies ich den Film bei der Filmwerkstatt Bielefeld / retro-Films digitalisieren und erstellte am PC als mp3-Datei den Soundtrack aus zwei zuvor ausgesuchten Stücken:
Der Mittelteil eines über 10 Minuten langen Stücks der amerikanischen Experimental-Rockgruppe The Swans bildet das Rückgrat für die Filmaufnahmen und verstärkt deren dystopische Stimmung.
Darüber gemischt habe ich den Anfang von Johannes Bergmarks Ton-Collage Hitler, bei der bis zu über 1500 Aufnahmen von Hitler-Reden übereinander montiert sind.

Vertonung des Films am PC nach handgeschriebenem „Waschzettel“

Der letzte Schritt zum projezierbaren Filmoriginal mit Tonspur war nun noch das Aufspielen des auf CD gebrannten Soundtracks auf die Magnetrandspur (Mono-Randspur durch Andec Filmservice).

Um die Stereo-Ausgangsquelle aus dem Hifi-Verstärker als Mono-Signal in den 3,5mm-Klinkeneingang der Haupttonspur zu bekommen waren geeignete Stecker-Adapter erforderlich….

Mein Film läuft am letzten Januar-Wochenende bei the8fest in Toronto. Bei diesem Schmalfilm-Festival werden die Filmoriginale in echter Projektion vorgeführt.

Online ist er hier zu sehen.

Dieser Artikel erschien in leicht abgeänderter Form erstmalig in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Cine8/16 (Dezember 2018)

Klaus Schreier
Klaus Schreier

hört Platten, fotografiert Kleinbild, filmt Schmal und dilettiert in der Dunkelkammer und am Schneidetisch

2 Kommentare

Patrick Müller
Patrick Müller Veröffentlicht am6:40 pm - Jan 22, 2019

Toller Artikel! Making-of-Berichte sind immer sehr erhellend. Ich finde immer sehr interessant, wie du deine Titel filmst und die Filme vertonst. Danke!

Klaus Schreier
Klaus Schreier Veröffentlicht am11:06 am - Jan 23, 2019

Beim Titel-Filmen leistet mir der Repro-Arm an der Standsäule des Meopta-Vergrösseres hervoragende Dienste. Ich bin froh, daß ich mir dieses Zubehör „seinerzeit“ gekauft habe.

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